Ars Electronica
Ars Electronica 2004
Festival-Programm 2004
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Festival 1979-2007
 

 

SEVEN MILE BOOTS. SIEBEN MEILEN STIEFEL. SEITSEMÄN MAILIN SAAPPAAT


Erich Berger / Laura Beloff / Martin Pichlmair

Zu Fuß im Medium der Möglichkeiten – ein Online-Spaziergang
Mit Siebenmeilenstiefeln, dem magischen Schuhwerk, das man aus Märchenerzählungen kennt, kann deren Träger sieben Meilen mit einem Schritt zurück legen. Gleich einem kosmopolitischen Flaneur kann man ganz leicht Länder durchqueren und überall dort auftauchen, wo man möchte – unterwegs auf den Straßen der Welt. Während der letzten zehn Jahre hat sich der Internet-Chat zu einem Phänomen entwickelt. Online-Communities sorgen für unbegrenzte Kommunikation. Spazierengehen und das Tragen von Schuhen ist für uns Menschen alltäglich geworden. In diesem Projekt werden Schuhe und Füße als Schnittstelle eingesetzt, um sich in diesen textbasierten nicht-räumlichen Chatrooms zu bewegen.

Der sichtbare und spürbare Teil des Projekts besteht aus einem Paar Stiefel, das auch angezogen werden kann. Mit diesen Stiefeln kann man einerseits durch das Netz spazieren und andererseits einfach stehen bleiben, zuhören und die Aktivitäten im Netz beobachten.
Beobachter / Flaneur / Voyeur
Mit Hilfe der Technologie können wir andere Menschen beim Kommunizieren von verschiedenen Positionen aus gleichzeitig in Echtzeit beobachten. Der User/Beobachter hat keine Kontrolle, sondern ist von der tatsächlichen Situation abhängig und steigt in sie als passiver Beobachter ein. Er verhält sich wie ein Flaneur, der sich in der Mitte der Menge wohl fühlt und auf die nächste Gelegenheit wartet, um aufzutauchen. (1)

Der User, der die Siebenmeilenstiefel trägt, wird zu einer Art Super-Voyeur, der an den verschiedensten Stellen suchen und unterschiedliche Situationen im Netz gleichzeitig beobachten kann. Bleibt er aber stehen, so kann er das Geschehen verschiedenster Chatrooms gleichzeitig mitverfolgen. Er kann das Leben im Netz beobachten und die Unterhaltungen der Menschen im Chatroom mitverfolgen.
Offener Prozess
Der künstlerische Anspruch des Stücks ist die Konstruktion einer offenen Struktur, die mit echten Menschen in Echtzeit bestückt wird – reales Leben. Ein Raum der Möglichkeiten, der die User anregt, nach mehr zu suchen. Dieses Defizit löst den Wunsch nach Substanz aus, den Wunsch nach Konsum und Erfahrung. Das Stück verführt einerseits durch Wissen und andererseits durch Ungewissheit: Was wird nun passieren? Was wird als nächstes sein?
Technische Details
Nachdem man die Stiefel angezogen hat, beginnen sie nach aktiven Chat-Kanälen zu suchen. Wenn der Anwender umhergeht, kann er eine Aktivität in einem Chat Room durch sein Gehör lokalisieren. Er hört sich selbst durch eine Gruppe von Chat-Teilnehmern gehen oder er kann sich dazu entschließen, stehen zu bleiben und diese näher zu betrachten. Die Stiefel wählen sich automatisch mit dem Passwort „Siebenmeilenstiefel“ in die Chat Rooms ein. Die Channels werden nach den Aktivitäten und Themen ausgewählt. Sind die Stiefel in Bewegung, suchen sie nach einer neuen Auswahl von Channels im Netz. Die Stiefel sind mit der nötigen Technik ausgestattet: ein Computer mit einer Wireless-LAN-Karte, Mikroprozessor, Sensoren, Verstärker und Lautsprecher. Die Stiefel funktionieren überall dort, wo ein offenes Wireless-LAN zur Verfügung steht.

Aus dem Englischen von Michaela Meth
http://randomseed.org/sevenmileboots/

(1)
Flaneur: In den 30er Jahren geschriebene Essays inspirierten Benjamin dazu, das Werk Baudelaires zu analysieren; dieser hatte die Figur des Flaneurs ins Leben gerufen, der ein fast voyeuristisches Vergnügen dabei verspürte, seine Stadtmitbewohner genauestens zu beobachten. zurück