Ars Electronica
Ars Electronica 1986
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Videotex Art Network – VAN


Manfred Eisenbeis

Unter Leitung von Professor Manfred Eisenbeis beschäftigt sich die Arbeitsgruppe Medienentwicklung/Medienforschung an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach/Main seit mehreren Jahren mit Bildschirmtext (Btx) als grafischem Arbeitsfeld. Verschiedene internationale Künstler wie Alcopley, Thomas Bayrle, O. H. Hajek, Ben Vautier haben Bildschirmtext-Grafiken erstellt.

Im folgenden Text berichtet Manfred Eisenbeis über Etappen der Entwicklung und neue künstlerisch-grafische Arbeitsfelder im Rahmen von Btx. Bei "TERMINAL KUNST" nehmen Prof. Eisenbeis und sein Team mit dem Projekt "Videotex Art Network" (VAN) teil. Es wurde an der Hochschule 1983 begonnen, und soll zu einem internationalen künstlerischen Netz führen. Die Möglichkeiten der Kombination von Btx mit anderen elektronischen Medien wie etwa Bildplatte, Video, Computer werden in der Zukunft als Teil des "elektronischen Schirmes" wichtig werden.

Ein aktuelles Btx-Informations- und Gestaltungsinstrumentarium wird im "Telekommunikations-Labor" der Ausstellung verwirklicht. (Vgl. den Text dazu im vorliegenden Katalog.) Eine Btx-Galerie mit vorwiegend abstrakten Grafiken stellt Othmar Karschulin vor, so daß im Gesamtkontext der Ausstellung drei Gebiete des grafisch-künstlerischen Btx-Gebrauches, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtigkeit, dargestellt werden. Eine so umfangreiche Überprüfung des Btx-Mediums war noch niemals bei einer Kunstausstellung verwirklicht.

Die neu entstehenden sogenannten Videotex-Systeme werden gegenwärtig in nahezu allen westlichen Industrieländern erprobt oder bereits eingeführt, so in der Schweiz, Österreich, der Bundesrepublik, Italien, Frankreich, Großbritannien, Spanien, in den skandinavischen Ländern usw. Der Schwerpunkt ihrer Nutzung liegt im Bereich von Wirtschaft und Verwaltung, während kulturelle – und insbesondere künstlerische – Nutzungen bisher kaum zur Entfaltung kamen.

Dies liegt nicht nur an materiellen Bedingungen, wie etwa der Verfügbarkeit von technischen Geräten für die Erzeugung von künstlerischen Realisationen, sondern auch an der bereits klassisch gewordenen Verzögerung künstlerischer Aktivitäten und Experimente im Bereich neuer Technologien.

Unsere Arbeitsgruppe Medienentwicklung/Medienforschung an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach/Main hatte aufgrund ihrer Erfahrungen mit Film und Video seit dem Erscheinen der sogenannten Videotex-Systeme damit begonnen, dieses neue Medium intensiv visuell zu erforschen und ästhetisch-künstlerisch zu bearbeiten. Dies geschah zunächst für die Generation der sogenannten Viewdata-Systeme mit einem umfassenden, über das System selbst zugänglichen Programm (Programm "Mosaik" 1980), das durch ein Manual ergänzt wird. Außerdem begannen wir, intensiv an der Weiterentwicklung der ästhetischen Qualitäten des Systems zu arbeiten.

In diesem Zusammenhang konnten wir erfreulich bei der Entwicklung der 2. Generation von Videotex-Systemen, die zu dem sogenannten europäischen CEPT-Standard führte mitwirken (CEPT = Conférence Européenne des Administrations des Postes et des Télécommunications). Auf der Grundlage dieses Standards können die begonnenen künstlerischen Arbeiten, die bisher von Einschränkungen der Form- und Farbdarstellung beeinträchtigt waren, intensiviert werden, um diesem neuen Medium die erforderlichen Dimensionen zu geben. Die Darstellungs- und Anwendungsmöglichkeiten von Bildschirmtext (Btx) unter den Bedingungen des neuen Standards sowie visuelle Experimente mit kinetischen und stereoskopischen Bildern wurden von uns im Auftrag der Deutschen Bundespost entwickelt und im Programm "Mosaik 2", im Jahre 1983, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Mit dem Projekt VAN soll nun ein internationales Forum für kulturelle und spezifisch künstlerische Nutzungen dieses Mediums geschaffen werden, das über die Telefonverbindung zwischen Nationen und Kontinenten in Minuten oder Sekunden den Austausch ästhetischer Botschaften, Bilder, Texte, Notationen, die Realisierung von Ausstellungen und internationalen Präsentationen ermöglicht. Vor allem aber sollen in den einzelnen Ländern, angeregt durch das VAN-Projekt, interdisziplinäre Arbeitsgruppen entstehen, die die experimentellen künstlerischen Arbeiten mit diesem neuen Medium weiterführen und Beiträge für die verschiedenen nationalen Videotex-Systeme sowie für den internationalen Austausch erarbeiten.

Damit würden diese Medien dem künstlerischen Ausdruck geöffnet, und neue Bereiche für künstlerische Tätigkeiten entstehen. Die UNESCO wie der Europarat haben in ihren Programmen diesem Problemfeld seit Jahren einen wichtigen Platz eingeräumt. Hier wären Verknüpfungen mit beiden Organisationen und den mit künstlerischen Fragen befaßten, sogenannten Nicht-Regierungsorganisationen denkbar, zu denen bereits Verbindungen bestehen.

Im Rahmen des VAN-Projektes sollten die Bedingungen geschaffen werden, das internationale Videotex-Art-Network technisch-organisatorisch zu verwirklichen, um die künstlerischen Realisationen aus den verschiedenen Ländern und künstlerischen Arbeitsgruppen einem breiten Publikum "online" – an einzelnen Empfangsplätzen und mit Großprojektion – und also direkt zugänglich zu machen. Andererseits sollten mindestens Teile dieser Realisationen in Form eines Programms parallel in die einzelnen nationalen Systeme für die Nutzung eingespielt werden. Insbesondere mit Museen könnten dazu auch Präsentationsabsprachen getroffen werden. Außerdem wären Vereinbarungen mit den Postverwaltungen oder Sponsoren über die kostenlose Aufnahme des VAN-Programms in die nationalen Systeme zu treffen.

Diese Programme könnten in der Folge den Rahmen für die weiteren künstlerisch-experimentellen Realisationen im jeweiligen nationalen System bilden. Begleitet werden soll das VAN-Projekt durch Kolloquien, die in den bereits erwähnten nationalen Workshops, die die Programmbeiträge vorbereiten, ihre intellektuelle und künstlerische Quelle haben sollten. Ein Programmausschuß wird diese Arbeiten koordinieren.

Im deutschen System Bildschirmtext befindet sich ein erstes Teilprojekt in der Realisation. Bilder von Thomas Bayrle, Alcopley, Ben Vautier, Andreas Henrich und Birgit Malsy-Grimm können seit 1983 über das Telefon abgerufen werden. Ein Film von Heide Hagebölling im Rahmen des VAN-Projektes zeigt am Beispiel der Monroe-Porträt-Serie von Birgit Malsy-Grimm die Facetten des neuen Mediums auf.

Die Perspektiven des VAN-Projektes sind in der Thematisierung und Bearbeitung der kulturellen und künstlerischen Fragen in Zusammenhang mit den neuen, digitalen Videotex-Systemen zu sehen. In diesem Kontext könnte – ähnlich wie bei der Video-Kunstentwicklung – ein entscheidender Impuls erzeugt werden, der um so bedeutsamer einzuschätzen ist, als, anders als beim Video, der Verbreitung durch das System keine technischen Widerstände entgegenstehen, also mit künstlerischen Einzelrealisationen oder Programmen alle Teilnehmer erreicht werden können.

Unsere bisherigen Arbeiten haben die Tragfähigkeit dieser Annahme belegt. Alle interessierten Künstler können in direkter Zusammenarbeit mit uns Beiträge zum VAN-Projekt realisieren.

Arbeitsgruppe Medienentwicklung/Medienforschung, Hochschule für Gestaltung Offenbach, Schloßstraße 31, 6050 Offenbach. – Der Gruppe gehören z.Zt. an: M. Eisenbeis, Andreas Henrich, Albrecht Leidecker, Heide Hagebölling, Birgit Malsy-Grimm, Michael Marschall, Birgit Mitschke, Andrea Wunderlich. 1985 erschien im Verlag Müller, Nürnberg, das 240 Seiten starke Handbuch für die Gestaltung von Bildschirmtext "Programm Mosaik 2", das die genannte Arbeitsgruppe im Auftrag der Deutschen Bundespost und in Zusammenarbeit mit dem Fernmeldetechnischen Zentralamt in Darmstadt realisiert hat.