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Prix Ars Electronica
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Prix-Jury

 
 
Veranstalter
ORF Oberösterreich

POTENTIAL OR UNFORTUNATE DEVELOPMENT?

U19 JURY


Ein Neunjähriger programmiert einen voll funktionsfähigen HTML-Editor, mit gut überlegten Short-Keys und sogar einem integrierten, menügestützten VRML-Editor.

Im Rahmen des Wettbewerbs u19, dessen Untertitel "Freestyle Computing" lautet und der die Möglichkeiten umschreibt, mit dem Computer außerhalb eines erwachsenen, produktorientierten Denkens in technischen Standards zu operieren, wirft diese - wohlbemerkt ausgezeichnete - Arbeit stellvertretend für eine große Zahl anderer Einreichungen einige Fragen auf.

Dies um so mehr, wenn man dieses Phänomen mit einer anderen Feststellung in Verbindung bringt: und zwar damit, dass im oberen Alterssegment der u19-Einreicher, in deren Arbeiten oft ein konzeptioneller Ansatz feststellbar ist, ein zum Teil begrenztes technisches Verständnis des Computers als programmierbare Maschine zu einem bescheidenen Hindernis auf dem Weg zur Umsetzung einer Idee wird.

Die Frage, die sich aufdrängt, ist: Stellen diese technischen Stilübungen ein Potenzial dar oder sind sie als eine Fehlentwicklung, als ein Nachahmungsversuch der Erwachsenenwelt und deren Umgang mit (Computer)Realitäten zu interpretieren? Wenn man davon ausgeht, dass ein neunjähriges Kind noch nicht den Wert seiner Arbeit und seiner Anstrengungen (hinter gewissen Einreichungen stehen monate-, ja, gar jahrelange Entwicklungen) hinterfragt und den Mehrwert einer Idee erst noch entdecken wird, kann man optimistisch sein und von diesen Jugendlichen, egal ob sie schon 19 sind oder nicht, noch Spannendes erwarten.

Will man pessimistisch sein, kann man diese technische Bessesenheit bei so jungen Menschen als Fantasielosigkeit interpretieren - ohne damit den Verlust des so idealisierten Potenzials der Jugend, kreativ, frech und naiv zugleich zu sein, beklagen zu wollen. Dieses vermeintliche "Potenzial" spiegelt ja wohl mehr eine Erwartung wider, die die Erwachsenenwelt an "die Jugend" richtet. "Die Jugend" tut vieles, aber kümmert sich offensichtlich wenig um irgendwelche Erwartungen - und das zu Recht.

Die Antwort ist Glaubenssache und hat die Jury drei Tage lang intensiv beschäftigt...

Vielen Einreichern möchten wir trotzdem - als Denkanstoß - ein paar Schlagworte dieser Diskussionen nicht vorenthalten:

- Mehr Raum für Hypothesen und ungewöhnliche Ideen
- Mehr Mut zum Experiment
- Inhalt vor Design

Vor diesen Kriterien bestanden zwar wenige, aber - und das muss erwähnt werden - vor allem die Anerkennungen bestachen entweder durch ihre zum Teil außergewöhnliche Umsetzung oder durch eine tragende Idee. Oder - wie bei den drei Nominierungen erkennbar - durch die Idee und Umsetzung.

Schlussendlich also herrscht doch die Hoffnung, dass die heute ganz Jungen, ausgestattet mit dem technischen Rüstzeug, das sie in diesem Jahr bereits unter Beweis stellten, schon im nächsten Jahr wirklich freestyle computen!

 
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