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Prix Ars Electronica
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Prix-Jury

 
 
Veranstalter
ORF Oberösterreich

u19 Freestyle Computing
Martin Pieper

Da sitzt man als Jury für ein paar Tage in einem abgedunkelten Raum im ORF Landesstudio Oberösterreich und vergräbt sich in den über tausend Einsendungen von Unter-19-Jährigen und fragt sich, was sie gemeinsam haben und was sie voneinander unterscheidet: Volksschulklassen und Maturanten, Einzelkämpfer und Projektgruppen, Webdesigner und Spielprogrammierer, Männer und leider – immer noch – weniger Frauen. Sind diese über tausend Einsendungen ein repräsentativer Querschnitt durch das Freestyle Computing von jungen Menschen in Österreich? Die schiere Anzahl scheint die Frage mit „Ja“ zu beantworten. Dass der Computer – oder, allgemeiner gesagt, die digitale Technik – gerade bei Jugendlichen so massiv in den Alltag eingedrungen ist, lässt uns aber hoffen, dass da draußen noch mindestens weitere tausend kreative Köpfe an ihren Ideen arbeiten. Das titelgebende „Freestyle“-Prinzip könnte ruhig noch mehr Einfluss auf die Einsendungen haben. Vielleicht zeigen die Preisträger 2003 aber auch weniger das, was wir in Zukunft von Programmierern, Roboter- Architekten, Webdesignern und Künstlern erwarten können, sondern das, was die Einsendenden glauben, dass von digitalen Projekten heutzutage erwartet wird. Die herausragenden Arbeiten dieses Jahrgangs haben jedenfalls oft eine Grenze überschritten, sei es in technischer Hinsicht, in Fragen des Oberflächendesigns oder in den Anwendungsgebieten.

Webpages zu programmieren, mit Inhalt zu befüllen und in eine dem User zugängliche Struktur zu bringen, das zieht sich mittlerweile quer durch alle Altersschichten. Es hat sich auch heuer wieder gezeigt, dass Inhalt als Qualitätskriterium nach wie vor unterschätzt wird. Die „schöne“ Homepage ist heutzutage auch bei Schülern schon fast Standard geworden, für eine Auszeichnung reicht das allerdings noch nicht. Überzeugt hat uns dann die Seite i2 – was ist eine tolle Seite? von Anna Obermeier, Alexandra Voglreiter und Katharina Krummel. Ein Projekt einer Gruppe von Mädchen zwischen elf und 13 Jahren, die einerseits Einblicke in ihr Leben bieten, das Internet aber auch dazu benutzen, sich selbst über Ländergrenzen hinaus, zu vernetzen. Einen gut nutzbaren Content samt lebhafter Community in ansprechender Ausführung bietet Lyrix.at von Dominik Dorn, eine von zwei Einreichungen (die andere war www.songtexte.com), die Songtexte anbieten. Georg Gruber befragt auf inflex.org die gewohnten Oberflächen von Websites. Computergames stehen in der Unterhaltungsindustrie schon längst gleichwertig neben Film und Musik. Die aufwändigen Spiele mit vielköpfigen Entwicklungsteams, hoher Spezialisierung und mehrjähriger Vorlaufzeit sind in Sachen Grafik, Erscheinungsbild und Marketingaufwand von den u19-Teilnehmern kaum zu übertreffen. Spielspaß und die „gute Idee“ sind aber auch mit viel Geld nicht zu kaufen. Das beweisen unter anderem die vielen Retro-Games Einsendungen, die uns 2003 überrascht haben, etwa die originelle Rückkehr zum guten alten Text-Adventure, wie die Anerkennung School’s Out For Rosh Hodesh Adar II von Thomas Hainscho zeigt. :.:.be A bee.:.: von den erst 14-jährigen Schülern Armin Ronacher und Nikolaus Mikschofsky handelt zwar von niedlichen Bienen, ist aber eine astreine und komplexe Wirtschaftssimulation.

Stark vertreten waren auch Computergrafiken, ein Bereich, in dem sich vor allem viele Volksschulklassen mit viel Engagement und Einsatz ausgetobt haben. Statt Ölkreide und Filzstift übernehmen Maus und Grafikprogramme den Zeichenunterricht. Je älter die Einsender, desto bewegter die Bilder, könnte man salopp formulieren. Ein 3D-Animationsfilm konnte schlussendlich auch die Goldene Nica einsacken: Rubberduck von Georg Sochurek überzeugte neben technischer Brillanz vor allem durch die nachdenkliche Geschichte. Wie der Filmemacher das leblose Objekt „Gummiente“ zur Projektionsfläche für Emotionen des Zuschauers macht, ist verblüffend. Buch, Schnitt und Tonspur kommen in ihrer Perfektion den offensichtlichen Vorbildern aus Amerika schon sehr nahe.

Einer der jüngsten Teilnehmer beim u19-Wettbewerb, der siebenjährige David Hackl, hat mit seiner nur wenige Sekunden dauernden Animation Die Fliege gezeigt, dass weniger oft mehr ist. In Sachen Flash-Animation hat uns das Weltraumabenteuer von Manuel Fallmanns System Interrupted mit seiner an Comix geschulten Bildsprache überzeugt. Ein schöner Sonderfall ist auch die Arbeit Der Sprung ins Ungewiss von der HS Steinerkirchen, die mit einer Mischung aus Realfilm und digitaler „Übermalung“ des Materials der klassischen „Boy meets Girl“-Geschichte einen neuen Dreh geben. Im Grenzbereich von Webseite, Grafik und Animation sind die Klangbilder von den Schülerinnen des Borg 3 in Wien und die Arbeit Bewegung von Schülerinnen der HBLA für Kunst in Linz angesiedelt: tönende Grafik, bewegte Sprache, sichtbarer Klang.

Besonders angetan ist die Jury von unkonventionellen Lösungen, die High-tech- mit Low-tech-Attributen verknüpfen. In diesem Sinne haben Tobias Schererbauer, Mathäus König und Sebastian Schreiner mit einer gewissen Bastler-Mentalität Das Studio und die Green Box entwickelt. Auch Sehhilfen für Menschen mit Behinderung (Die akustische Lesehilfe für Sehbehinderte von Franz Wengler und Christof Haidinger) oder selbst medizinische Geräte (Listheseanalysegerät von Sigrun Astrid Fugger und Martin Leonhartsberger) finden ihren Platz unter den u19-Preisträgern.

Und wenn sich eine Jury etwas wünschen darf, dann: Bitte nächstes Jahr wieder mehr elektronische Musik bei u19, denn auch Jury-Mitglieder tanzen gerne.

 
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