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Prix Ars Electronica
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Prix-Jury

 
 
Veranstalter
Ars Electronica Linz & ORF Oberösterreich

Ein digitales Breitbandantibiotikum gegen etablierte Sichtweisen

Sirikit Amann

Jedes Jahr stellen sich die Jurymitglieder die Fragen erneut: Wie wird sich die Cybergeneration heuer präsentieren? Erliegt die Jury ihren eigenen Vorstellungen hinsichtlich der Erwartungen an diese Generation? Stimmen die Bilder in den Köpfen der Jury mit den Bildern in der virtuellen Realität überein?

Und jedes Mal überwiegt die Überraschung über die vielfältigen Ideen, Techniken, Zugänge und Perspektiven der jungen Menschen.

u19 ist ein digitales Breitbandantibiotikum gegen etablierte Sichtweisen. Wer sich darauf einlässt, erhält einen Blick in einen coolen und authentischen Sektor der digitalen Welt: Bereits Erfundenes wird wieder erfunden und neu positioniert. Auf den ersten Blick Bekanntes erscheint plötzlich fremd, Neues gefährlich vertraut.

Ein Trend aus den letzten Jahren wird auch heuer weiter verstärkt: Die eingereichten Arbeiten rücken in ihrer Qualität zusammen. Eindeutige Ausreißer nach oben werden seltener, die Anwärter auf die Top-15-Platzierungen immer mehr. Vielleicht auch deshalb, weil sich in den Arbeiten immer öfters der Charme der eigenen Handschrift, des Unverwechselbaren wiederfindet.

Selbst die so beliebten Computerspiele aus den 80ern oder frühen 90ern wie Snake, Lemminge oder Tron etc. erfahren ein Revival in neuem Gewand, mit neuen Features und neuem Design.

Die Goldene Nica GPS::Tron von Thomas Winkler ist eine Verbindung neuer Technologien wie GPS, Bluetooth und GSM bzw. GPRS mit der klassischen Spielidee Tron. Das wirklich Besondere daran ist, dass die Umsetzung simpel genial ist und den Puls der Zeit genau getroffen hat. Das Handy mit Satellitenkoordinaten und mit einem vertrauten Spiel zu kombinieren, scheint so nahe liegend zu sein, dass man sich unwillkürlich fragt: Warum gibt es das nicht schon am Markt (zumindest am österreichischen)?

Ähnlich überraschend und somit auszeichnungswürdig ist der Zugang von Gottfried Haider mit radio2stream. Eine terrestrische Antenne, eine kleine Metallbox mit Hardware, eine Website – und schon hört man den Radiosender seiner Wahl über den Computer. Was daran neu ist? Viele österreichische Sender streamen ihre Programme nicht ins Web. Mit radios2stream ist diese Lücke geschlossen.

Die weitere Auszeichnung – sie geht an Manuel Fallmann – wirft andere Fragen auf: Was zeichnet eine gute Animation aus? Reicht es, eine gute technische Performance hinzulegen, oder gehört dazu mehr? Die Erfolge im Animationsbereich haben es vorgeführt: Die technische Brillanz mit gut dargestellten Charakteren und einer verführerisch guten Geschichte, die Emotionen weckt und vergessen macht, dass es sich um „Strichmännchen“ im übertragen Sinn handelt. Dieses Potenzial steckt in den Arbeiten, die auf MINDistortion zu entdecken sind. Der Markenname MINDistortion leitet sich von „Mind“, dem menschlichen Verstand, und von „Distortion“, der Verzerrung desselben her. Das ist nicht nur ein Wortspiel, sondern Programm.

Heuer gibt es eine Neuerung in der Wertung der Top 15. Neben der Goldenen Nica und den zwei Auszeichnungen wurde je eine weitere Auszeichung in Form eines Sachpreises für die Altersgruppen der unter 10-Jährigen und für die 10- bis 14-Jährigen vergeben:

Es war einmal ein Mann, der hatte einen Schwamm … oder wie ein bekannter Kinderreim zum Leben erweckt wird. David Haslinger (8) hatte die Idee, aus einem Reim eine animierte Geschichte zu machen. In beeindruckender Weise setzt er die einzelnen Passagen in Bild und gesprochenen Text um.

Die SchülerInnen der Europa-Hauptschule Hall in Tirol entwickelten aus der Notwendigkeit heraus ein auf visuelle Elementen basierendes Sprachlernprogramm mit dem Titel Hos Geldiniz Avusturya für ihre türkischen MitschülerInnen. Schulische Quereinsteiger aus der Türkei mit nichtdeutscher Muttersprache können hier schnell und fantasievoll die Sprache erlernen.

Neben all dem Überraschenden gibt es auch immer noch Wermutstropfen: Die sehr geringe Beteiligung der Mädchen und jungen Frauen, die fantasielos glatten perfekten Websites ohne wirklichen Content und das fast vollständige Fehlen elektronisch erzeugter Soundwelten. Erklärungen, wie es zu diesen Entwicklungen kam, gibt es genügend. Dass sich die professionellen Designvorbilder auch unter den jugendlichen Webdesignern etablieren würden, war anzunehmen. Dass sich die Beteiligung der Mädchen weiterhin in Grenzen hält, ist schade. Man braucht keinen Mut, um einzureichen, es reichen ein Stift und das Anmeldeformular!

In den letzten Jahren sind die Einsendungen aus dem Umfeld der Volksschulen stark gestiegen. Auffallend ist hier, dass verstärkt dahingehend gearbeitet wird, dass sich die Einzelarbeiten der jungen Produzenten in einem größeren Ganzen wiederfinden. So werden Geschichten erfunden, am Computer geschrieben und mit Grafikprogrammen illustriert. Dieser frühe Kontakt – auch mit arbeitsteiligem Umgang – ist einer der Nährböden der Cybergeneration.

Da auch diese Generation nicht als technische „Wunderwuzzis“ geboren werden, muss der Umgang erprobt und erlernt werden. Die eingereichten Projekte und Beispiele zeigen eines ziemlich deutlich: Es gibt die vierte Grundkompetenz neben Schreiben, Lesen, Rechnen.

Nach der ersten Durchsicht der Einsendungen war klar, dass die diesjährige Qualität der Einreichungen keine Probleme bei der Vergabe der Preisträger bereiten würde. Den sicheren Umgang mit neuen Technologien und Medien, angereichert mit Fantasie und Kreativität können die zehn Anerkennungen vorweisen.

Mit seiner Webseite Junky Hugs entwickelte der zwölfjährige Patrick Derieg Hütmannsberger eine sehr persönliche, stark mit grafischen Elementen versehene Flash-Site, die besonders durch seine zeichnerischen Fähigkeiten geprägt ist.

Dual Mouse von Christoph Wiesner ist überraschend. Eine simple, fast banale Idee, aber mit hohem Unterhaltungswert und inspirierender Kraft – getreu dem alten Werbeslogan „Reduce to the Max“.

Revo Race von Mathias Kunter zeigt, dass Tron immer noch für Überraschungen gut ist. Bis heute gibt es ja davon unzählige Nachahmungen. Revo Race hebt sich von diesen eindeutig ab. Die Perspektive erzeugt einen räumlichen Charakter, und neue Effekte geben dem Spiel eine ungeheure Dynamik.

Das Projekt der HBLA für künstlerische Gestaltung Linz thematisiert ein Problemfeld unserer modernen, globalisierten Welt. [phonetcard] – vom Wort zum Bild versucht durch die digitalen Möglichkeiten – Fotografie, Bildmanipulation, Grafik – einen „sprachsensiblen, interkulturellen multimedialen Design-Unterricht zu entwickeln, in dem Toleranz aber auch Lerntechniken wie Nachschlagen, Suchen, Vergleichen usw. Platz haben“.

Die Internetplattform Onan Casting + Onan TV, eingereicht von Tobias Schererbauer, ist ein ambitioniertes Projekt von jungen Menschen, die in vorbildlicher Weise das Medium Internet als Ausdrucksform und Kommunikationsbasis nutzen, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Die Idee, ein regionales Online-Fernsehen von Jugendlichen für Jugendliche zu etablieren, ist am Puls der Zeit und unterstützenswert. Insgesamt zeichnet das Projekt ein gutes Bild der Jugendszene und ihrer Welt, in der digitale Medien und Vernetzung so selbstverständlich sind wie die richtige Party am Wochenende.

Manuel Eder kreiert mit FANTASY X–Dark Dreams eine in sich geschlossene filmische Animation im Stil der japanischen Animes. Die zeichnerische Qualität und die dramaturgische Abfolge der Handlung hält sich zwar an das Genre, die Arbeit zeigt aber ebenfalls, wie dies durchbrochen werden kann, um zu einem eigenen Stil zu kommen.

Die SchülerInnen des BG/BRG Waidhofen/Thaya entwarfen, programmierten und bauten einen Plattenspieler der etwas anderen Art. Kisum heißt dieses ungewöhnliche Objekt. Ohne große technische Vorkenntnisse experimentierten die jungen ErfinderInnen, um mit einem Tonarm aus einer Zündholzschachtel mit einer Leuchtdiode Töne von einer Alufolie abzunehmen.

Eine Kombination von nützlichen Features und einer ästhetischer Aufbereitung gelang Gerald Gradwohl mit seinem Projekt Sulaa.

Mit complement ist Franz Haider die Umsetzung einer witzigen Spielidee gelungen. Schnelligkeit und Genauigkeit sind Grundvoraussetzung für die Aneinanderreihung von Zahlenreihen, die mit dem binären Code spielen.

Die Matura-Arbeit von Michaela Meindl und Michael Mayrhofer-Reinhartshuber zeigt in besonderer Weise die soziale Komponente beim Einsatz von neuen Medien. EyeBoard ist eine Hardware und Softwareentwicklung, die es ermöglicht, mit den Augen wesentliche Anwendungen des Computers zu steuern.

 
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