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Prix Ars Electronica
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Prix-Jury

 
 
Veranstalter
Ars Electronica Linz & ORF Oberösterreich

Quadratur des Kreises in der Pixelwelt

Sirikit Amann, Gerlinde Lang, Christopher Lindinger, Thomas Köner, Tereza Szente

Jurysitzung: Vier Tage, in denen es nur eines gibt: Hunderte von Arbeiten von jungen Erwachsenen zu sichten, diskutieren, sich in die sich eröffnenden Welten zu vertiefen und Entscheidungen zu treffen.

Die Einreichungen sind in ihrer Breite, Vielfalt und unterschiedlichen Qualitäten eine Herausforderung an die Jury. Unweigerlich fragt man sich, was sie gemeinsam haben und was sie voneinander abhebt.

Angetreten sind Volksschulklassen und Maturanten, Technikfreaks und Amateure, Bastler, Spieler und Erfinder, eingeschworene Teams und Einzelkämpfer, Communities, Supporter – und unter all den Einreichungen auffallend viele Mädchen. Dies ist insofern bemerkenswert, als in den letzten Jahren zwar die Beteiligung unter den Mädchen und jungen Frauen gestiegen ist, aber erst heuer diese Entwicklung richtig sichtbar wurde.

Vor der Fülle dieser explodierenden Kreativität stellt man sich schon mal die Frage: Wie soll das alles unter einen Hut gehen? Animationen neben Schulhomepages, digitale Musik neben Robotik, Computerspiele versus CMS, und eine Menge anderer Projekte, die nicht zuordenbar sind – freestyle eben, im wahrsten Sinne des Wortes.

Wird sich in dieser Quantität auch jene Qualität finden, die auch einen zweiten oder dritten Blick übersteht? Die die erste Euphorie überlebt und einer intensiven Diskussion standhält?

Und was soll bewertet werden? Die Idee und der beschrittene Weg, selbst wenn das Produkt noch größere Entwicklungspotenziale hat, die im Moment noch nicht ausgelotet sind, oder ein in sich abgeschlossenes Werk, das eine Eigenständigkeit und starke Ausstrahlung – inhaltlich wie technisch – aufweist? Und über kurz oder lang kam es zur Frage, die jedes Jahr erneut diskutiert wird: Ist u19 die Spitze des digitalen Eisbergs oder das Fundament, auf dem sich der Eisberg erst baut?

Auch heuer wurde die Quadratur des Kreises in der Pixelwelt gelöst: u19 ist beides. Es braucht die Motivation und den Ehrgeiz, etwas erreichen zu können, das nur knapp über den eigenen momentanen Fertigkeiten liegt, und es braucht auch die unverwechselbaren, schrägen und zukunftsträchtigen Arbeiten, die u19 national und international so unverwechselbar machen.

Der Spirit von u19 ist mehr als die (nahezu) perfekte Beherrschung von Technik, es bedarf dazu auch noch einer Portion Witz, Einfallsreichtum und Lösungen abseits vorgegebener Blaupausen.

Und am Beginn der Arbeit hofft man als Jurymitglied auf den magischen Moment, in dem alle einhellig rufen: „Das ist die Nica, ohne Zweifel!“

Nur dies sollte uns heuer nicht passieren: Es gab zwei Anwärter auf den Titel und zwei konträre Begründungen, warum der jeweils andere die Goldene Nica erhalten sollte. Der eine Anwärter war überraschend unaufdringlich. Die Qualität von Rennacs Studies von Markus Sucher (19) erschloss sich erst beim dritten Blick und warf zudem noch mehrere Fragen auf: Soll hier die Idee oder das Produkt bewertet werden? Und was ist das Produkt? Die Plots oder doch die Idee? Und was ist das Neue? Filme zu scannen ist im Grunde noch nichts revolutionär Neues. Diese spezielle Art von Rennacs Studies ist auf jeden Fall mal was ganz anderes. Oder doch nicht?

Der andere Anwärter – die Animation Möbel – überzeugte durch seine choreografischen Dekonstruktionen unterschiedlichster Sitzmöbel. Die Eleganz, mit der simple Alltagsgegenstände wie Stühle als bewegte Form, Linie und Fläche neu erfahrbar gemacht werden, eröffnete neue Perspektiven in der Sichtweise auf Alltagsgegenstände. Möbel besticht durch ihre Leichtigkeit, die subtile Choreografie, die in manchen Facetten an Modern Dance erinnert, und durch eine ausgezeichnete, präzis eingesetzte Geräuschkomposition. Dies geschieht mit großem Gespür für Rhythmus und Bildwirkung: Die Animation atmet.

Der Ausschlag gebende Faktor für die Zuerkennung der Goldenen Nica an Rennacs Studies war, dass diese Arbeit das Potenzial und die Hoffnung für eine Weiterentwicklung dieses Ideenprodukts in sich trägt.

Seit 1998 hat die Jury von u19 die Goldene Nica an abgeschlossene Produkte vergeben; 2005 ist eine Premiere: Die Jury setzt hier mit ihrer Wahl ihre Hoffnung auf eine Weiterentwicklung und will mit dieser Goldenen Nica den bereits beschrittenen Weg unterstützen.

Aus dieser Entscheidung ergab sich, dass eine der Auszeichnung an die SchülerInnen der 5. Klasse Multimedia (Graphische Wien) für ihre ausgezeichnete Animation Möbel geht.

Die zweite Auszeichnung erhält das Computerspiel 10 MKK Jubiläumsfun, erstellt von der Gruppe Creative Minds (Viktoria Buchberger, 11; Ute Greiner, 11; Hanna Gruber, 11; Prisca Heim, 12; Sara Wilnauer, 12) des BRG Hamerling Linz. 10 MKK Jubiläumsfun ist eine etwas andere Art, eine Aufnahmeprüfung in einen speziellen Schulzweig darzustellen. Der Spieler hat dabei sein Gehör und sein Wissen einzusetzen und spielerische Kompetenz zu erweisen.

Zum zweiten Mal werden im Rahmen von u19 zwei Preise vergeben, die altersgebunden sind:

Dem stetigen Anstieg der Einreichungen aus dem Volksschulbereich bzw. von Kindern unter zehn Jahren wird mit einem eigenen Preis Rechnung getragen. Unter den Einreichungen in dieser Altersstufe befinden sich meistens Arbeiten aus dem Bereich der digitalen Bildbearbeitung mit kleinen Geschichten, die von den Kindern selbst erfunden wurden.

Einen anderen Weg geht da der neunjährige David Haslinger mit Der Herr der Ringe – eine gescannte Geschichte. Galt das Werk von J.R.R. Tolkien bis vor kurzem als nahezu unverfilmbar, schafft er es, die wesentlichen Elemente dieser Geschichte in weniger als fünf Minuten zu erzählen und mittels einfacher technischer Umsetzung witzig darzustellen.

Der Preis für die Altersgruppe der 11- bis 14-Jährigen geht an Pegasus X7/222/12 der 11-jährigen Sonja Vrisk. Ein Computergehäuse wird verfremdet, verkleidet und mit einer Art Orakel ausgestattet, das einem nach Zufallsprinzip sagt, wie sich der Computer fühlt. Auch hier setzte die Jury ein Zeichen: u19 ist eben mehr als nur die Beherrschung der Technik. Pegasus X7/222/12 verdeutlicht dieses Anliegen von u19 und steht in der Tradition der letzten Jahre, die „schräge“ Tools gewürdigt hat.

Die zehn Anerkennungen repräsentieren die unterschiedlichen Alterstufen und die verschiedenen Sparten.

Miro 1
Bei Miro 1, entwickelt von Christof Barth (15) und Thomas Müllegger (16), handelt es sich um ein mittels Computertechnologie ferngesteuertes Auto. Jedoch wurden dabei auf kreative und humorvolle Art Funktionalitäten hinzugefügt, die ohne die Verwendung eines PC nicht realisierbar gewesen wären.

Kulturhauptstadt 09
Die Website Kulturhauptstadt 09 der 7c/8a des BORG Bad Leonfelden zeugt von einer intensiven und vor allem kritischen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung mit der Peripherie jener Stadt, die sich für das Jahr 2009 als Kulturhauptstadt beworben hat. An dieser Schnittstelle zwischen Regionalität und europäischer Kulturhauptstadt sind humorvolle und überaus vielfältige Visionen entstanden, die von Fiktion aber auch vom Selbstverständnis in der Region berichten.

Robotic Angel from Another Sky
Die Arbeit von Paul Rauch (16) ragte aus den eingereichten Animationen durch ihre persönliche Stilistik und Stimmung heraus. Auffallend sind die sichere und niveauvolle Komposition des Bildraumes sowie die nuancierten Farbwirkungen.

Speed Trials
Lena Goldsteiner (17) und Sebastian Wedl (19) erstellten Ebenen verschiedener Tempo- und Zeiterfahrungen – symbolisiert durch die kriechende Schnecke und den rasenden Verkehr –, die mit Zeitraffereffekten (Hausbau, Baum) kontrastiert werden. Die im Verlauf der Animation zunehmende zeichnerische Dichte der Linien unterstützt dies und erzeugt eine große formale Geschlossenheit.

Tennis
Mit wenigen Strichen gelang es dem 5-jährigen Philip Narovec eine Illusion zu zaubern. „Punkt, Punkt, Komma, Strich … fertig ist mein …“ Tennisplatz!

Memory
Die Stärke dieser Arbeit von Ondrej Pokorny (18) ist die benutzerorientierte Konfigurierbarkeit des bekannten Kinderspiels nach eigenen Bedürfnissen, ob als Bildelemente oder als Textbausteine – der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

ichSelbst
Die Arbeit der 5-jährigen Sarah Lene Shirin Fürst spiegelt eine Welt der Farben, Formen und Muster wider – mit teils erstaunlichen Ergebnissen.

Adventkalender
Beeindruckt hat hier die Mischung von Poesie und Bild und die Gesamtleistung der 8-bis 9-jährigen SchülerInnen (3A Klasse, Volksschule 2, Linz), sich auf eine Geschichte zu einigen und diese auch grafisch einheitlich durchzuziehen.

Lesemaus
Die Website von Lilly Maier (13) überzeugt mit dem Ansatz, Lesen als lustvolle Beschäftigung erlebbar zu machen. Auf der Lesemaus finden sich selbstgeschriebene Rezensionen und eigene kleine literarische Werke.

obscura Expertensystem
Das obscura Expertensystem von Andreas Reh (19) und David Liftinger überzeugte durch die algorithmische Lösung, auf der die Anwendung fußt. Die Applikation zeigt, dass eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung zu einer praxisorientierten Lösung für Fotografen führt.

 
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