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Prix Ars Electronica
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Prix-Jury

 
 
Veranstalter
Ars Electronica Linz & ORF Oberösterreich

Eine Generation im Aufbruch. Hollywood im Kinderzimmer

Sirikit Amann, Gerlinde Lang, Christopher Lindinger, Stefan Pirker, Tereza Szente

Während andere noch das Lesen lernen oder sich mit dem Lesen plagen, sind die diesjährigen Einreicher schon fit am Computer ... Zumindest scheint es so. Die Auseinandersetzung mit den digitalen Möglichkeiten fängt immer früher an.

Was ist das Neue dabei, fragt man sich? Dass junge Menschen mit computergestützten Tools experimentieren, ist sicher noch keine Schlagzeile wert, wurde dieses Interesse doch bereits in kommerzialisierte Produkte (Lernspiele) fürs Kinderzimmer umgesetzt. Neu ist, dass jetzt nicht mehr der Computer selbst im Zentrum des Interesses steht. Hatte man früher eher den Eindruck, dass am Anfang der Computer stand und sich die computerbegeisterten Unter-19-Jährigen zuerst überlegten, was sie Geiles mit dem Tool anfangen könnten, dreht sich diese Reihenfolge jetzt um: Ideen stehen im Zentrum, und dann erst wird überlegt, wie sie umgesetzt werden können. Das Ergebnis ist ein Megamix aus Hightech, Lowtech und Notech.

Knapp 700 Arbeiten wurden von der Jury gesichtet, bewertet, kommentiert. Das Staunen über die Fantasie in den Köpfen der jungen Menschen hält an. „Warum gibt es keine Shortlist? Die ganze Bandbreite der Kreativität können wir doch bei nur 15 prämierten Arbeiten gar nicht darstellen!“ fordert ein Jurymitglied. In diesem Stoßseufzer liegt die ganze Herausforderung der Jury. Wie kann man Werke von Kindern und jungen Erwachsenen vergleichen? Welchen Stellenwert haben bewegte Bilder verglichen mit Net-Communities? Was ist das Besondere im Alltäglichen? Kreativität, Witz, Ernsthaftigkeit, Akribie und vieles mehr sind Bestandteil des alltäglichen digitalen Universums der jungen Menschen. Jetzt ist die Entscheidung getroffen.

Trotzdem toben die Bilder im Kopf, und Pixel für Pixel setzen sie sich zu einem Panoptikum an Farben, Eindrücken, Momentaufnahmen, Soundteppichen und grafischen Elementen zusammen. Sie sind so bunt wie die Einreichungen. Was bleibt von den Hunderten gesehenen Arbeiten? Auf jeden Fall die Tatsache, dass 15 Preise und Anerkennungen nicht ausreichen, um dem Ideenreichtum gerecht zu werden.

Da gab es noch Fantasy X oder die süß-saure Ente, Weihnachtskarten aus der ganzen Welt und ein Desinfektionsroboter gegen Fußpilz, süße Aliens und an Mirò erinnernde Bilderwelten, Programme für eine mobile Rufhilfe für SeniorInnen und für ferngesteuerte Satellitenanlagen für den ORF, Filme in ganz großem Stil und solche, die in der Spielzeugecke von Kindergärten entstanden sind, Fantasievolles wie ein menschliches Computergehäuse und kleine Teufelchen als 3DBomber. Wir sahen Stop Motion und Flash-animierte Filme, Split Screens (die waren der Renner des Jahres 2006), Scherenschnitte, Collagen, Plastilin- und Tonarbeiten, viel Lego und Playmobil, Morphing zum Schönheitsideal, Ansätze von Bionik, Klassenfotos mit dem Herrn Professor, computerbasierte Lernobjekte, eingebettet in CMS, funktionierende Net-Communities und solche, die es noch werden (wollen), Visuals zur Musik und Sound zu Visuals. Aber da waren auch kritische, gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen mit der unmittelbaren Zukunft, der Arbeitswelt und den Chancen für junge Menschen. Identitätssuche unter dem Motto „Heimat – wo?“ und mit der Frage des Fußfassens in einer Moderne, die in der Tradition wurzelt, ausgetragen über Dirndlhybride. Und dann waren da noch die nicht zuordenbaren Produkte: Manches war Zufall, anderes provoziert, einiges so schräg, dass man sich eine Einladung für einen Nachmittag in der Zauberstube wünscht. Alles war da, nichts fehlte. Und am Schluss konnten es doch nur 15 sein. Daher der Reihe nach ...

Goldene Nica

Die Goldene Nica 2006 geht an die Animation Abenteuer Arbeitsweg der 13- bis 15-jährigen Ehrentraud Hager, Alexander Niederklapfer, David Wurm, Magdalena Wurm, die mit viel Charme und Genauigkeit in Zeitabläufen punktet. Ein Vater auf dem Weg zur Arbeit – an sich keine nervenaufreibende Tätigkeit, aber in dieser Stop-Motion-Arbeit spielt sich’s ab. Unterschiedliche Transportmittel werden benutzt, um von A nach B zu kommen. Bahnhofsszenen wechseln mit Straßenverkehr, vieles davon in gleichzeitig unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Fußgänger (langsam) werden von Autos (schnell) überholt. Egal, wo man hinschaut in dieser Legowelt, es bewegt sich alles, sogar die kleinsten Details wurden akribisch erledigt (großartig die Bahnhofsszene). 13 Minuten Spaß – für zwei Jahre Arbeit.

Eine der beiden Auszeichnung geht an die Arbeit von Irene Kriechbaum, die mit Faceology einen Feldversuch startet, wie eine „ideale“ Schönheit entstehen kann, in dem sie Gesichter fotografiert und morpht und diese Mixtur wieder mit anderen natürlichen Gesichtern überlagert, bis am Schluss ein unnatürlich schönes perfektes Gesicht entsteht. Die Präzision in dieser Arbeit hat die Jury so überzeugt, dass sie sie mit einer Auszeichnung bedachte.

Eine weitere Auszeichnung geht an das vierköpfige Team Robogreiner (Ralph Aichhorn, Katharina Greul, Felix Gruber, Fabian Guschelbauer). Robofisch ist ein Beweis für den sorgfältigen Umgang der Schüler mit der Natur. Der Robofisch ist ein elektronischer Taucher, der zur Entnahme von Wasserproben eingesetzt werden soll. Indem die Schüler das Gerät weitgehend der Gestalt eines Fisches anpassen, wollen sie die Wasserwelt so wenig wie möglich irritieren. Diese ökologische Nische wird mit der „ökonomischen“ kombiniert, indem die Ausführung der Idee auf die „Hexenküche“ zurückgreift und Vorhandenes zum improvisierten und erfinderisch kostengünstigen Prototyp wird (wie zum Beispiel ein Marmeladenglas als „Bord“). Ein durchdachtes und theoretisch überprüftes Konzept steuert den Arbeitsprozess und sorgt für die Realisierung, zeigt aber zugleich auch die Schwierigkeiten auf, die neben handwerklichem Geschick auch viel Köpfchenarbeit erfordert.

Zum wiederholten Mal vergibt die Jury einen Sachpreis für die bis zehn Jahre alten EinreicherInnen. Heuer war das gar nicht so einfach. Bei der Fülle an guten Arbeiten haben wir uns entschieden, diesen Preis an eine altersuntypische Arbeit zu vergeben. Sie ist nicht lieb und nett, sondern herausfordernd.

Trick und Politik von der 1C / GRG1 Stubenbastei ist eine zynische Mixtur aus Frage-Antwort-Sequenzen, die sich auf visueller Ebene reflektiv mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzt. Die Arbeit lebt von symbolischer Kommunikation und verwendet in erster Linie den Signalwert von bewusst gewählten Motiven, die in Verbindung mit pragmatisch-funktionalen Bedeutungen wichtige Kurzbotschaften zum politischen Alltag und zu politischen Fragestellungen auf eine intellektuell lustvolle und unterhaltsame Weise vermitteln (Schnecken-Autobahn, Schubkarren-Entsorgung der Stimmzettel etc.).

Der Sachpreis für die 11- bis 14-Jährigen war da schon leichter gefunden: Mit Wunderwelt Candy CAVE hat der 11-jährige Julius Lugmayr den Anspruch von u19 – freestyle computing perfekt eingelöst: Ein Goldfischglas als Projektionsfläche, zwei Projektoren, der Traum von Süßigkeiten, umgesetzt in einem Film, und fertig ist der mobile Cave. So führt ein gutes Zusammenspiel von Hardware und Software zu Augmented Reality.

Anerkennungen

Die Anerkennungen spiegeln die Bandbreite der Einreichungen wider. Ob Jiri Kuban eine optisch perfekte Visualisierung des bekannten Liedes Ich kauf mir ´ne Rakete zeigt oder die 10-jährige Lisa Steiner ein Kiwi-Monster entwirft, das Sonderpädagogisches Zentrum Diehlgasse mit der Klassenarbeit Piep die Jury entzückt, die 13-jährige Nana Susanne Thurner mit der Schwarz-Weiß-Animation War berührt oder die hoch aktive Net-Community www.donaufischer.at von Gabriel Freinbichler erstaunt, die Powerpoint-Präsentation Die Fische und der Hai von Stjepan Milicevic und Markus Weber überrascht, die Website von Thomas Hainscho mehr als Zufall ist (http://www.zu-fall.net.ms), buff-zack-boing einem nicht spanisch vorkommt, sondern Bestandteil von Comic Life ist – gerappt von The ThreeCees / 3C BRG Landeck, eine Winamp-Fernsteuerung von Dominik Amschl mehr als ein hilfreiches Tool ist und ac_form von Emanuel Jauk die Synthese von manuellem und virtuellem Musizieren darstellt – eines ist sicher: Alle stehen für den aktiven, fantasievollen Umgang mit den Möglichkeiten, die Freestyle Computing bietet.

Da lag die Einreichungsliste und der Kugelschreiber, und wir wissen: Wie jedes Jahr war alles wieder möglich. „Es ist nur ein Programm. Es sind nur ein paar Linien und Farben. Es ist nur Spielzeug. Es sind nur Kabel und Schrauben. Und IHR!“

 
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