Ars Electronica
 
 
 

Prix Ars Electronica
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Prix-Jury

 
 
Veranstalter
ORF Oberösterreich

Vermeidet diese Klischees!

Die Computermusik-Jury hat bereits im vergangenen Jahr darauf hingewiesen, daß es zahlreiche Kategorien in der Musik und im Musikschaffen gibt, die mit einiger Berechtigung "Computermusik" genannt werden können, und auch darauf, daß die Praktiker des Genres offensichtlich übersehen haben, daß diese Musik so weit "herangereift" ist, daß sie sowohl in Technik wie in Gestus in ein simples Klischee verfallen mußte, sobald sie "ernsthaft" sein wollte.

Sicher, die Jury hatte manch eine ehrbare Ausnahme angetroffen, darunter die preisgekrönten Arbeiten, aber beim Anhören von über 250 Stücken in kurzer Zeit wurde erschreckend deutlich, daß viel von der Computermusik mittlerweile zum Altbackensten weit und breit gehört.

Die Jury umfaßte heuer 80 Prozent neue Mitglieder, mit unterschiedlichem Hintergrund und Interesse, aber die An- und Einsichten entsprachen im wesentlichen jenen des vergangenen Jahres. Auch diesmal überwog der Eindruck, daß Originalität und Innovation ­ jene Qualitäten, die der Prix Ars Electronica am höchsten schätzt ­ zu kurz gekommen sind unter dem Druck, die enorm wachsende Menge an Werkzeugen einzusetzen, die scheinbar zum Studio-Standard geworden sind ­ ProTools, GRM Tools und Sound Hack, um nur einige zu nennen. Es wäre unsinnig, diese großartigen Werkzeuge zu verdammen, und das ist auch nicht die Absicht der Jury. Aber das übergroße Vertrauen in sie scheint selbst gute Komponisten dazu zu verleiten, den Ausdruck ihrer eigenen, persönlichen, distinktiven Stimme aufs Spiel zu setzen. Was sie zu sagen hätten, wird überdeckt von dem, was die Technologie am einfachsten und besten kann. Diese tödliche Konformität geht weit über die bloße Technik ­ die häufig bemerkenswert ausgereift ist ­ hinaus und entsteht aus einem über-formelhaften Zugang zum Gestus, zum Tempo und zur Stimmung.

Diese Anmerkungen erklären schon teilweise die (einstimmige) Entscheidung der Jury für "Munich Samba" von Matt Heckert als Gewinner der Goldenen Nica. Das ist ein Werk ohne jeglichen elektronischen Klang, und weit und breit ist kein Lautsprecher in Sicht. Matt Heckert ist längst nicht der einzige, der die Entwicklung computergesteuerter elektroakustischer Geräte vorantreibt, aber sein Werk ist eines der beeindruckendsten.
Seine Arbeit ist nicht dafür ausgelegt, einen Konzertsaal zu belegen, sondern viel weniger präskriptive Räumlichkeiten vielleicht Museen oder alte Lagerhallen, vielleicht auch Einkaufsstraßen. "Munich Samba" kann automatisch betrieben werden, eher als eine Art bewegter, klangerzeugender Skulptur denn als Werk mit Exposition, Durchführung und Reprise, aber es kann auch "aufgeführt" werden, dann wird eben die Form neu strukturiert, mit Elementen relativer Statik und Aktivität, mit bewußt kalkulierten und eingesetzten Höhepunkten. "Munich Samba" scheint nicht irgendeine "Bedeutung" im Sinne externer Bezugspunkte zu haben: Es ist, was es ist ­ eine Sammlung verschiedenster mechanischer Geräte, die schrittweise ihr eigenes Potential von Bewegung und Klang ausloten, in einer Vielzahl von Kombinationen und Kontrapunkten, deren zugrundliegenden pyhsikalischen Prinzipien ebenso bezaubernd wie für jedermann einsichtig sind.

Die beiden Auszeichnungen gingen an Jonty Harrison für "Unsound Objects" und Maryanne Amacher für "The Levi-Montalcini Variations". Harrison kann auf ein bemerkenswertes Oeuvre elektroakustischer Arbeiten zurückblicken, unter denen "Unsound Objects" ein typisches virtuoses neueres Beispiel ist. Der Hörer wird in eine surreale Welt klanglicher Anspielungen hineingezogen, in der "unmögliche" Dinge möglich gemacht werden. Das sich ergebende Bild ist ein erstaunliches Durcheinander aus sich verändernden Farben und hektischer Aktivität, und selbst in seinen ruhigeren Momenten bleibt die Klangqualität lebhaft und kraftvoll. Als Komponist wie als Lehrer ist Harrison zu einer der einflußreichsten Gestalten der elektroakustischen Musik der Gegenwart geworden.

Amachers "The Levi-Montalcini Variations" ist ein völlig anderer Typus von Werk und liegt irgendwo zwischen den konzertanten "Unsound Objects" und dem skulpturhaften "Munich Samba". Als klangliche Installation wie auch als Komposition im konventionellen Sinn erzeugt es eine monumentale Wand aus Klängen. Es ist massiv, überwältigend, unnachgiebig und hartnäckig, aber wenn sich das Gehör auf diese Eigenschaften einmal eingestellt hat, wird es eine Myriade von Details in dieser Textur entdecken, und letztlich wird man komplett in Amachers "Welt im anderen Maßstab" hineingezogen.

Aus Platzgründen kann hier keine detaillierte Beschreibung der mit einer Anerkennung bedachten Werke erfolgen, aber einige Gemeinsamkeiten und Besonderheiten seien dennoch herausgegriffen: Ein kleiner Teil dieser Arbeiten (die von Luigi Ceccarelli, Annie Gosfield und Mario Verandi) beschäftigt sich mit der Ästhetik (und den tatsächlichen musikalischen Objekten) unserer allgegenwärtigen musikalischen Vergangenheit. Wenn solche Stücke gut ausgeführt sind (und diese sind es), bieten sie eine zusätzliche Perspektive zu jener, der man normalerweise begegnet. Sie scheinen aus Liebe zur "klassischen" Musik komponiert zu sein, aber anscheinend auch aus Trauer darüber, daß deren alles überrollende Gewißheit und Allgegenwart in Frage gestellt werden muß, damit sich die Musik unserer Zeit wenigstens ein kleines Stück des Territoriums zurückerobern kann. In den richtigen Händen kann die Computermusik, eben wegen ihrer Fähigkeit zur Umformung und Umstrukturierung existierender und leicht erkennbarer Klänge, dieses Anliegen gut unterstützen.

Zwei weitere Charakteristika haben bei der Jury offene Ohren gefunden: Kürze und Humor. Und wer die Welt der Computermusik kennt, weiß, daß es sich dabei um seltene und kostbare Funde handelt. Deshalb ein "Bravo!" an Ambrose Field, Annie Gosfield und Mark Wingate, die dieses möglicherweise so fruchtbare Feld beackert haben.

Abschließend muß man noch feststellen, daß bei den Werken der "puren" Computermusik auf Band (und das waren auch heuer rund 85 Prozent der Einreichungen) einige Arbeiten weiterhin einen hohen Standard in diesem Genre setzen. Die Werke von Patrick Ascione, Christian Calon, Ake Parmerud und John Young beweisen, daß es auch auf diesem Gebiet noch immer neue Wege zu gehen gibt und daß ­ wenn Künstler mit Imagination und Geschick die von ihren Werkzeugen vorgefertigte Offensichtlichkeit zu überwinden versuchen ­ ihre Arbeiten die Klanglandschaft und die künstlerische Warhnehmung generell durchaus noch erweitern können.

Die Jury des vergangenen Jahrs hat vier Kategorien herausgearbeitet, in denen sie in Zukunft noch gerne mehr Einreichungen sehen wollte: Mehr Werke für alternative Präsentationsmodi (d. h. nicht-konzertante Arbeiten), Werke mit größerer ästhetischer Bandbreite (vermeidet diese Klischees!), Arbeiten von Leuten ohne institutionelle (An-)Bindung (vielleicht aus nicht-unterstützten Märkten), und Werke von Frauen. Die Jury des heurigen Jahres hat zwar kein besonderes Augenmerk auf diese Kategorien gerichtet, aber die Anerkennungen wurden so vergeben, als hätte sie hier spezielle Schwerpunkte gesetzt. In Wirklichkeit war der Anteil dieser Einreichungen nicht größer als im vorigen Jahr, und die Botschaft für 1998 muß die gleiche bleiben: Die Jury wird sich bemühen, echte Innovation auszuzeichnen ­ im Bereich der Mittel, des Kontexts und der Ästhetik­, und natürlich weiter nach hervorragenden Leistungen in Qualität und Durchführung suchen.

Unter den diesjährigen Einreichungen waren auch einige, die versuchten, das musikalische Potential des World Wide Web zu erforschen. Wenn auch die Jury kein so herausragendes Beispiel gefunden hat, das einen Preis oder eine Anerkennung verdient hätte, so ist sie doch zur Überzeugung gelangt, daß das Web beginnt, völlig neue Wegen musikalischen Schaffens zu ermöglichen. Sicherlich gibt es Schwierigkeiten aufgrund der Bandbreite und der unsicheren Qualität der Netzwerkdienste, denn sie verhindern die Verwendung von hochqualitativem Audio-Equipment im Netz. Aber es gibt zwei Herausforderungen für alle, die überlegen, bei zukünftigen Ausgaben des Prix Ars Electronica "Netz-Werke" in der Kategorie Computermusik einzureichen.

 
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