Ars Electronica
 
 
 

Prix Ars Electronica
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Prix-Jury

 
 
Veranstalter
ORF Oberösterreich

Früher nannte man es Talent

Milan Knizak


An die 900 Arbeiten wurden in diesem Jahr im Bereich Computergraphik für den Prix Ars Electronica eingereicht. Nach der ersten Durchsicht all dieser Bilder war die Jury zunächst von der oft mangelnden Eigenständigkeit und der Ähnlichkeit enttäuscht. Ein Grund dafür mag sein, daß in den letzten Jahren zahlreiche Programme auf den Markt gekommen sind, die die Arbeiten verschiedener Autoren einander sehr ähnlich werden lassen, sie z. B. auf die gleiche Art und Weise Farben einsetzen. Und es mag auch der Grund sein, warum viele der Computergraphiken wie klassische Bilder, vor allem wie die des Informel aussehen. Dies gilt vor allem für viele der von deutschen Autoren eingereichten Arbeiten. Eine weitere Art schöpft aus den Möglichkeiten, die 3D bietet. Daneben tauchen immer wieder die schon traditionellen Typen der klassischen Computergraphik auf, in denen zum Beispiel Fraktale und ähnliche Techniken verwendet werden.

In diesen drei Bereichen bewegt sich die überwiegende Mehrheit der eingereichten Graphiken, und obwohl sie sich im Rahmen dieser Bereiche sehr gekonnt bewegen, beginnt man sich nach einer Weile zu langweilen. Es ist, als strahlten diese Arbeiten eine gewisse Trägheit aus. Damit meine ich eine „kreative Trägheit", da die Anzahl der vor dem Monitor verbrachten Stunden zweifelsohne respektabel ist. Es ist so, als hätten die Schaffenden Angst, die vom Computer gebotenen Grenzen zu überschreiten. Und gerade das bestärkt mich in meiner Überzeugung, daß die Computergraphik erst am Anfang steht. Denn an Künstlerischem ist bislang noch wenig zu finden. Die Kunst beginnt nämlich dort, wo wir aufhören, an die Technik zu denken, wo uns die Technik nur als Mittel dient, Botschaften zu transportieren. Kunst beginnt dort, wo das Gefühl der Kreativität, sei es bewußt oder unbewußt, grundsätzlich über alle anderen Phänomene innerhalb des Schöpfungsprozesses vorherrscht.

So tauchten innerhalb der Jury, aber auch seitens der Veranstalter, Überlegungen auf, ob sich die Computergraphik überlebt hätte, ob man diese Kategorie im Prix Ars Electronica in den nächsten Jahren durch eine andere ersetzen sollte. Auch ich vertrat zunächst diese Meinung. Als dann aber nur noch einige wenige Diapositive im Magazin verblieben waren, die wir uns immer wieder und wieder ansahen, und als schließlich die letzten drei übriggeblieben waren, begann ich an diesen Überlegungen zu zweifeln. Dabei war mir auch die mathematische Logik behilflich, in der das logische Gegenteil der Behauptung „Alle Fenster sind geschlossen" die Behauptung ist „Wenigstens ein einziges Fenster ist offen". Und dieses Fenster, dieses geschlossene Fenster, oder noch richtiger, durch dieses geschlossene Fenster habe ich eine neue und wohl auch frische Möglichkeit für die Computergraphik und diese Kategorie im Wettbewerb erblickt.

Der Jurybeschluß, den Prix Ars Electronica und die Goldene Nica an Andrew Witkin und Michael Kass zu vergeben, war einstimmig, was insofern bemerkenswert ist, da die Jury durchaus nicht homogen war - da waren Wissenschafter, Computerfachleute, Künstler, die mit dem Computer arbeiten, sowie auch Künstler aus anderen Bereichen vertreten. Und trotzdem konnte sich diese aus so unterschiedlichen Personen zusammengesetzte Jury spontan auf den Sieger einigen. Und gerade in dieser Spontaneität sehe ich einen möglichen Weg, eine Hoffnung.

Computer sind - bei allem Respekt ihnen gegenüber - noch nicht perfekt. Und deshalb bieten sie uns ein sehr begrenztes Angebot an Mitteln. Aber möglicherweise liegt das Problem nicht in der Unvollkommenheit der Maschinen oder in der Unvollkomrnenheit der sie bedienenden Menschen, sondern im Verhältnis dieser beiden zueinander. Vielleicht sollten wir die Unterschiede zwischen diesen Phänomenen beseitigen, das heißt, das Menschliche vom Menschen und das Maschinelle von der Maschine entfernen.

Offensichtlich soll hier der Zustand einer Partnerschaft bis hin zu einer Symbiose in irgendeiner dritten Instantwelt entstehen, wo sowohl der Computer als auch der Mensch gleiche Chancen hätten. Beide wären im selben Ausmaß mutig, neurotisch, schwach und eitel, verrückt und all das andere. Ich trete für eine größere Selbstverständlichkeit des Verhältnisses zwischen Maschine und Mensch ein. Für ein Verhältnis ohne Scheu, Verzauberung, aber auch ohne das Gefühl der Überlegenheit und der Macht. Ein Verhältnis, das einer langjährigen Ehe gleicht, die voll Liebe ist, aber schon ohne Ausbrüche auskommt, in der das Verständnis mit der Zeit direkt in ihre Struktur einkodiert wird. Die Ehe des Menschen mit dem Computer ist sehr jung, und wir (damit meine ich die Jury und den Veranstalter) denken schon über eine Scheidung nach.

Es ist interessant zu sehen, aus welchen Bereichen sich die Gewinner des
Prix Ars Electronica im heurigen Jahr rekrutieren.

Goldene Nica für Andrew Witkin und Michael Kass - sie kommen aus dem Bereich der Wissenschaft. Trotzdem ist ihre Grafik "RD Texture Buttons" von einer völlig neuen, durchschlagenden Ästhetik. Die technischen Fachleute in der Kommission sprachen davon, daß diese Ergebnisse aufgrund der neuen Programme entstanden sind, die die Autoren selbst erstellt haben. Wir könnten meinen, daß es nur ein Zufall sei. Ich behaupte aber, daß es sich um keinen Zufall handelt. Erstens bin ich der Meinung,
daß sie sich auf einem gewissen Niveau frei bewegen und sich frei über die einzelnen Gebiete hinwegtreiben lassen konnten. Zweitens: Ein sinnvoller Zufall entsteht nur dort, wo wir den Boden dafür schon entsprechend vorbereitet haben. Und deshalb kann ein neues Programm auch den Keim einer neuen, überzeugenden Ästhetik in sich tragen, die in einer ganz einfachen Komposition - wie sie in der Grafik der Gewinner verwendet wurde - gleichzeitig zur Botschaft einer neuen Ethik wird.

Die beiden mit den Auszeichnungen ausgezeichneten Autoren kommen vorwiegend aus dem Bereich der Kunst, und einer von ihnen - Mark Wilson - gehört bereits der älteren Generation an. Trotzdem wirken gerade seine Graphiken "18 G 90" sehr modern. Das erkläre ich mir dadurch, daß für ihn der Computer in erster Linie nicht ein Stimulus ist, sondern lediglich ein geschicktes Mittel mit ganz spezifischen Möglichkeiten, das völlig neue Ausdrucksweisen eröffnet.

In der Arbeit " Ha Ha 7a" des zweiten Autors - Stewart McSherry - lassen sich einige der bereits gemachten Feststellungen wiederfinden. Wenn wir aus seiner Biografie erfahren, daß er mit Glas gearbeitet hat, so überrascht uns das keineswegs. Wir werden uns nur bewußt, daß sich die Sehnsucht nach Zerbrechlichkeit und Unkörperlichkeit mit Hilfe des Computers noch viel eindringlicher ausdrucken läßt als durch die Arbeit mit dem materiellen Glas. Und so stellt man abschließend eigentlich immer fest, daß es wahrscheinlich egal ist, welche Mittel ein Künstler verwendet. Das allererste und grundlegendste Element ist immer die Intensität der dadurch vermittelten Botschaft. Früher nannte man das Talent.

 
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