Ars Electronica
 
 
 

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Prix1987
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
ORF Oberösterreich
 


EHRENNICA
Jean-Claude Risset
Jean-Claude Risset


Jean-Claude Risset wurde von der Jury für Computermusik des Prix Ars Electronica 87 als Pionier der Computermusik symbolisch mit der Goldenen Nica für Musik ausgezeichnet.

Der Computer - ein Tool zur Formung von Klang
Jean-Claude Risset


Max Mathews gelang um 1960 eine sehr allgemeine Methode der Klangsynthese: Der Computer berechnet eine Schallwelle unmittelbar in all ihren Details, ähnlich etwa dem Vorgang der direkten Steuerung bei der Plattenpressung. Dieser Vorgang gestattet es, Klänge ohne Einengung und Beschränkung in ihrer spezifischen Eigenart zusammenzustellen. Es genügt, dem mit einem geeigneten Programm - zum Beispiel MUSIC V - gefütterten Computer die umfassenden physikalischen Strukturen der gewünschten Klänge anzugeben.

Ich wurde von den Möglichkeiten einer erweiterbaren und offenen Klangwelt, die sich für neue musikalische Architekturen eignete, angezogen. Aber eben diese Klangwelt öffnet sich nicht so leicht. Der Computer ist ein anspruchsvolles Instrument. Man muß ihm sehr genau die Details gewünschter Klänge angeben.

Die ersten Versuche waren enttäuschend. Die einzelnen Klänge, die man synthetisieren konnte, waren ohne Leben, ohne Dynamik, ohne Charakter. Die Ursache dieses Mangels in der Unkenntnis der Beziehungen zwischen der physikalischen Klangstruktur (sie ist wichtigster Bestandteil eines Syntheseprogramms) und ihrem Wahrnehmungseffekt (er zählt beim Zuhörer).

Im Bereich der Psychoakustik ist die Übereinstimmung zwischen den Klangparametern und ihren Wirkungen komplexer, als man glaubt, und man muß sie besser kennen, um alle Möglichkeiten aus den Vorteilen eines Computers ziehen zu können. Gleichzeitig aber ist der Computer das Mittel der Wahl, um die musikalische Psychoakustik zu entwickeln.

Jeder künstlich erzeugte Klang ist in seiner Bauweise bekannt, die Beziehung zwischen Struktur und ihrer Wirkung lernt man dann erst kennen, wenn man den Klang hört. Die Studien über den Instrumentalklang machten die Wechselbeziehungen zwischen Existenz, innerer Spannung und Wesen von Klängen besser verständlich.

In Grenzfällen folgen Tonhöhenunterschiede nicht einfach den Frequenzunterschieden: Ich konnte einen endlos steigenden Klang synthetisieren, eine Folge von periodischen Klängen, die steigt und fällt zugleich, und einen Ton, der sinkt, wenn sich seine Frequenzen sich verdoppeln. Mit Hilfe von vier Lautsprechern ist es Chowning gelungen, den Eindruck einer gezielten Klangbewegung im Raum zu erwecken, die es dem Musiker erlaubt, den Zuhörer in einen Illusionsraum zu entführen.

In den Studios von Stanford, am IRCAM und in Marseille ist ein weites Feld der Forschung gegeben. Es gilt, die klanglichen Möglichkeiten des Computers mit Geduld zu erproben, das hörbare Wirkungsspektrum und die physikalische Strukturen zu studieren, zu lernen, die sensiblen Parameter ganz genau zu präzisieren, zu bereichern, Versuche zu optimieren - kurz, Vorgangsweisen zu finden, gewünschte Klänge nicht nur zu produzieren, sondern auch musikalisch verfügbar zu machen.

Der schnell produzierende Musiker wird seine weniger hoch geschraubten Anforderungen erfüllt sehen; aber ich selbst finde es wesentlich, hier Zeit und Energie zu investieren. Durch den Computer kann man an der Entstehung von Klangprozessen mitwirken, sie exakt bestimmen, sie behutsam umformen, das Material anreichern, ohne die Möglichkeit einer sehr feinen Kontrolle über den Vorgang zu verlieren.

Generell gesagt: Klänge komponieren und nicht mit Klängen zu komponieren; die synthetische Scheinwelt des Klangs mit seiner instrumentalen Realität zu konfrontieren und gegenseitig zu durchdringen; die Möglichkeit, Klangkörper hören zu lassen, die man sehen kann, und mit den Ebenen der Wahrnehmung zu spielen.