Ars Electronica
 
 
 

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Prix1990
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
ORF Oberösterreich
 


ANERKENNUNG
Réveil
Paul Coudsi


Paul Coudsi, geboren 1953 in Paris, arbeitet seit 1977 in der Kino- und Videoindustrie. Paul Coudsi entwarf Szenerie für den abendfüllenden Film „Un amour d'emmerdeuse" von Alain Vandercoucal (1978) und war zuständig für die Animation des Films "Le chaînon manquant" von Picha (1979—80). 1983—1986 war Paul Coudsi künstlerischer Leiter der V.A.L. Company. Hauptwerke: 1981—82 „Nuit", Kurzfilm aus Live-Action, gemischt mit Zeichentrick. 1983—84 „Tintin a Montpellier", ein Videotrickfilm, realisiert mit einem Graph 8 (Xcom) Paint System. 1986 „Flip-Flap à Palavas", ein TV-Serienprojekt unter Anwendung verschiedener Techniken. 1987 „Portraits", zwei animierte Portraits aus Pastell, Gouachen und Papierschnitzeln. 1988 „Stylo", Computer-Animation einer tanzenden Füllfeder als Hommage an den legendären Fred Astaire.

Wie kommt es, daß ich mit Computern arbeite? Eigentlich eine etwas seltsame Frage.
Ich mache Animationsfilme. Dies ist meine Haupttätigkeit. Es passiert auch, daß ich Illustrator bin, im wesentlichen für Videoprodukte mit mehr oder weniger bewegten grafischen Bildern. Aber das ist eher ein Brotberuf. Ich muß noch ausführen, daß ich keineswegs ausschließlich mit informatischen Werkzeugen arbeite. Bleistift, Feder, Papier, Lineal und auch Modelliermasse sind für mich genauso wichtig, besonders in der Vorbereitungsphase. Der Computer (oder besser gesagt, die Computer) kommt erst im Laufe einer Kette von Operationen hinzu. Es geschieht manchmal, daß ich Animationen ohne den Computer mache — und das ist auch eine interessante Arbeit.

Also, warum dann die Informatik? Auch auf die Gefahr hin, als Opportunist angesehen zu werden, möchte ich sagen, es ist bisher eine Frage der Gelegenheit gewesen. Am Anfang meiner Karriere habe ich nach Werkzeugen gesucht. Ich bin irgendwann auf die Computer gestoßen und auf die 3D-Bilder. 1983 habe ich mit Daniel Borenstein die französische Schauspielerin Anemone in 3D modelliert. Diese Arbeit hat nichts eingebracht, aber mir hat sich ein Universum eröffnet. Es war ein tiefer Schock, dessen Implikationen ich bis heute noch nicht ganz ausgelotet habe.

Einige Monate später habe ich einen kleinen Videofilm gemacht, „Tintin à Montpellier", mit einer winzigen 2D-Palette, dem Graph 8 (Xcom). Ich war ganz hingerissen von diesem Ding mit seinen minimalen Farben (8 reine Farben — nicht mehr!). Durch die Erfahrung von „Stylo" in 3D (1988) und „Sans Tambour ni Trompette" in 2D (Palette Getris 1989) habe ich mir angewöhnt, den Informatikern auf die Nerven zu gehen, damit sie doch die Grenzen jenes Werkzeuges weiter steckten, das ich benütze. Diese Zusammenarbeit — auf genau festgelegte Produktionen beschränkt — hat mich veranlaßt, über Computerwerkzeuge nachzudenken, die wirklich für Animationsprojekte geeignet sind.

Ich pfeife auf die Animatoren. Ich liebe die Pastellstifte und die Gouache auf Zelluloid.
Und darüber hinaus finde ich, daß die Computer-Werkzeuge einen großen Fehler haben: eine geradezu tyrannische Eitelkeit. Die Rechner lassen uns im Glauben, daß man auf ihnen alles machen könnte. Was wohlgemerkt falsch ist. Es gibt Materialien, Lichter, Tiefen, Vibrationen in der Bewegung — um nur einige zu nennen —, die man mit Computerbildern einfach nicht erzeugen kann.

Noch schlimmer, es gibt Dinge, die man mit dem Computer recht leicht herstellen zu können glaubt — und dann verbringt man damit Tage, Wochen, Monate. Anstatt eine traditionellere Technik zu verwenden, die zehnmal so schnell wäre. Oder anstatt seine Zeit interessanteren Projekten zu widmen. Diese Computer sind mittlerweile in das Universum der Bilder integriert. Sie haben außergewöhnliche Fähigkeiten, eine Illusion zu schaffen. Ohne sie hätten weder „Stylo" noch „Réveil" das Licht der Welt erblickt.
Andererseits haben diese Werkzeuge den Nimbus des Neuartigen verloren, den sie anfänglich hatten.

Warum also Computer? Nun ja, Computer, weil sie manchmal nützlich sind. Das Problem liegt darin, sich nicht zu täuschen. Jedenfalls, synthetische Bilder zu machen, um synthetische Bilder zu machen, das interessiert mich nicht. Jedenfalls derzeit nicht. Ich warte jetzt darauf, daß die Computerwerkzeuge uns endlich erlauben, viel längere und einfacher zu gestaltende Produktionen zu machen, die mit anderen Bilderzeugungsmitteln verbunden sind. Echte Zeichentrickfilme mit Computeranimationen oder echte Computeranimationen mit echten Zeichentrickfilmen. Und noch viele andere Dinge... wohlgemerkt.

Technischer Hintergrund

HW: Iris 4/20
SW: Explore TDI/IMC