Ars Electronica
 
 
 

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Prix2005
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
Ars Electronica Linz & ORF Oberösterreich
 


GOLDENE NICA
TEO! A Sonic Sculpture
Maryanne Amacher


Im Jänner 2004 wurde ich eingeladen, an Sound Oasis mitzuwirken, einem Projekt von Francisco Rivero-Lake, kuratiert von Andrew Caleya Chetty, Jose Wolffer und Manuel Rocha – einer Gruppenausstellung von zwölf Klangkünstlern, die am Freigelände des Palacio de Bellas Artes stattfinden sollte, einem besonders beliebten Treffpunkt in Mexico City. Jeder Künstler erhielt den Auftrag, zwei Stunden Klang für eine 3D-Multikanal-Installation mit 36 auf der Plaza verteilten Lautsprechern vorzubereiten.

Kurz bevor ich zu einer Besichtigung vor Ort nach Mexiko aufbrach, las ich in einer Internetzeitschrift von einer gerade beginnenden Forschungsaktion in der Höhle unterhalb der großen Sonnenpyramide des antiken Teotihuacan, initiiert vom Physiker Arturo Menchaca (Leiter des Instituts für Physik der Nationalen Autonomen Universität) und von der Archäologin Linda Manzanilla, Mexikos führender Expertin für die Stadt Teotihuacan. Subatomare Partikel aus der kosmischen Weltraumstrahlung sollten verwendet werden, um die gigantische mexikanische Pyramide zu untersuchen und eines der größten archäologischen Geheimnisse der Welt zu lösen. Die Forscher installieren Detektoren unterhalb der Sonnenpyramide von Teotihuacan, die nach Myonen suchen – elektrisch geladene Partikel, die beim Auftreffen der kosmischen Strahlung auf die Atmosphäre entstehen und die Erde ständig bombardieren. Jeder der einen Meter breiten Detektoren dient als „Auge“, das auf der Suche nach Myonen aufwärts blickt.

Die Entwicklung von TEO! wurde zu einer höchst ungewöhnlichen und spannenden Erfahrung. Ich konnte die Höhle unter der Sonnenpyramide mit den Physikern betreten und dort mit sehr einfachen Mitteln Aufnahmen machen, die ich später im Studio digital bearbeitet habe. Thematische Besonderheit des alten Teotihuacan ist die Zahl vier, die als Konstante in der in vier Viertel unterteilten Stadt auftaucht. So spricht auch das vierteilig komponierte TEO! diesen Faktor an, nämlich in der räumlichen Klangarchitektur, die ich für den Platz entworfen habe.

Die Teile 1, 2 und 3 von Teo! wurden aus den Überresten der Aufnahmen komponiert, die ich in der Höhle unter der Sonnnenpyramide gemacht habe. Ich arbeite oft mit Klangresten und Klangabfällen. In Teil 3 etwa habe ich anfänglich die etwas traurigen Dudelsackähnlichen Klänge verworfen, die ich gehört habe. Aber irgendwann fühlte ich, hier sei eine gewisse Wahrheit enthalten, der Versuch, Existenz zu bestätigen. So behielt ich sie bei, verstärkte ihre Lebhaftigkeit und Präsenz durch digitale Verarbeitung. Es war spannend zu entdecken, dass es für sie eine Einstellung gab, die jener des vom Europäischen Raumfahrtzentrum aufgezeichneten Leoniden-Schauers entsprach.

Um eine kreisende Bewegung für den Anfang von Teil 4(A) zu erzeugen, habe ich eine kurze Phrase aus einem Banjo-Solo verwendet, das vom Komponisten Ralph „Woody“ Sullender (dessen Werke ich bewundere) selbst gespielt und elektronisch bearbeitet wurde. Das Banjo wurde gewählt, weil es ganz klar eine entschiedene räumliche Präsenz bietet, im Gegensatz zu den Teilen 1 bis 3 und 4(B), bei denen die klangliche Bildwelt räumlich und geometrisch über den ganzen Platz verteilt ist.

Besonderer Dank geht an das Teilchenphysik-Team der UNAM unter Leitung von Dr. Arturo Menchaca-Rocha, Direktor des Physik-Instituts der Nationalen Autonomen Universität Mexico, und seine Kollegen Dr. Ernesto Belmont und Dr. Arnulfo Martinez; weiters an die Kulturabteilung der US-Regierung und die Amerikanische Botschaft in Mexico City.