Ars Electronica
 
 
 

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Prix2005
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
Ars Electronica Linz & ORF Oberösterreich
 


ANERKENNUNG
Capture
Dominik Barbier, Kasper T. Toeplitz


Capture ist ein Stück, das sowohl Musik wie Choreografie oder Video ist und dessen Interpreten das Stück in seiner Gesamtheit interpretieren (Tanz, Musik, Bilder), ohne es in die einzelnen künstlerischen Felder zu teilen. Die Endgestalt ist ebenso sehr ein Konzert wie eine Tanzdarbietung oder eine Live-Video-Installation. Alles zusammen.

Auf einer dem Proszenium eines Kinos ähnlichen Bühne – also einer sehr frontalen Anordnung – befinden sich drei Tänzer/Musiker, jeder in seinem „eigenen“ Raum dem Publikum gegenüber; diese Räume sind rund 3,50 Meter tief und zwei Meter breit. Zwei Schirme von ähnlichen Maßen wie die Tanzräume trennen sie und werden als Video-Leinwände benützt. Alle Bewegungen der drei Tänzer werden von Web-Kameras analysiert und als Steuerung für die Klangsynthese in Übereinstimmung mit einer existierenden Partitur verwendet. So werden die Tänzer zu den eigentlichen musikalischen Interpreten des Stücks.

Die Aufzeichnung ihrer Bewegungen wird auch als Steuerung für die Echtzeit-Generierung des projizierten Videos eingesetzt, das ein anderes in der Partitur festgeschriebenes, wenn auch stummes, Instrument darstellt. Keine vorgefertigten Klänge, keine Samples, keine Sequenzen – die drei Tänzer sind die einzigen Musiker von Capture. Das Stück ist knapp 77 Minuten lang.

Einer der Hauptgedanken bei Capture ist die Definition des Spezifischen an einer Komposition: nicht bloß die Realisierung (also eine von vielen möglichen Darbietungen), sondern die „reine“ Vision des in Erwägung gezogenen Projekts. Dass diese Vision von einem Musiker vorgeschlagen und im Feld der Choreografie umgesetzt wird – dass also ein Tanz-Projekt von jemandem kommt, der dieser Domäne fremd ist –, ist sicherlich ein interessantes Detail, aber nicht die Hauptsache. Das Schreiben eines Stücks „am grünen Tisch“, das heißt, ohne direkten Bezug zu jener Realität, die von einem Instrument dargestellt werden kann, ist im Bereich der Musik weiter verbreitet als beim Tanz, wo die Idee sich allzu oft auf den Körper und seine Möglichkeiten stützt. Die Verwendung einer Metasprache ohne die Einschränkungen und Charakteristika der anvisierten Zielsprache ist sicherlich ein kraftvolles schöpferisches Werkzeug, denn es erleichtert die Konzeption von Strukturen, ohne sie durch die Sprache der jeweiligen Kunstdomäne zu beschränken. Die (stille) Partitur erlaubt eine musikalische Komposition außerhalb des Klangbereichs und die Entwicklung einer größeren Gedankenfreiheit, als sie mit Instrumenten möglich wäre; der Übergang von der niedergeschriebenen Idee zu ihrer Realisierung wird dann ein Faktor des Fortschritts, entweder rein technischer Art oder organologischer Art. Mit dem Auftreten solcher neuen Instrumente, wie sie die Computer (in einer Konzertsituation) sind, und generell mit der elektronischen Musik lässt sich allerdings erkennen, wie die traditionelle Schreibweise den Weg vorzeichnet, aber nicht mehr die musikalische Idee zu vermitteln vermag.

Capture team: Myriam Gourfink, Carole Garriga, Cindy Van Acker (dance), Silvère (artistic-technical coordination), Dominik Barbier (video creation).