Ars Electronica
 
 
 

Back to:
vorherige Seite

Prix1988
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
ORF Oberösterreich
 


AUSZEICHNUNG
Gates
Mario Canali


In der Computeranimation "Gates" von Mario Canali tanzen geometrische Grundformen zu der eigens komponierten Musik ein abstraktes Ballett.

Die Bilder von "Gates" wurden dreidimensional mit einem IBM AT, AT&T TARGA 16 und BCD Frame Controller (Software: Targatips, Art-work, Videowork) konstruiert und Frame by Frame animiert. Die Musik wurde gänzlich von Computern, Macintosh, Yamaha CX5M2, TX7, Rev7, AKAI S900, S612, Casio CzlOl (Software: Performer, Yamaha Composer, Voicing Program) realisiert und ohne händische Intervention gemischt.

Am Anfang steht das Zeichen: ein offener Kreis, eine isolierte Linie. Zeichen, die die Wünsche sind von Formen in Erwartung einer Zeit, die ihnen erlaubt, sich zu entwickeln. Die Musik gibt dem Zeichen die Zeit, belebt es, erlaubt ihm, ein eigenes Schicksal zu durchlaufen. Und so beginnt das Zeichen in der Suche nach einer Form, einem Sinn, den Raum zu erfüllen. Zuerst drückt es im ersten Dreieck seinen Wunsch nach Existenz aus, und das Dreieck wirft seine eigene Spitze, den Punkt, den eigenen Willen gegen die erste Barriere, um den sicheren Kreis zu durchbrechen. Die einzige Art, einer Grenze, einer Barriere Sinn zu verleihen, ist, sie zu durchbrechen. Die einzige Möglichkeit, die eigene Identität zu wahren, liegt darin, zu akzeptieren, was jenseits der Barriere liegt, die unendlichen möglichen Variationen, das Risiko der immerwährenden Veränderung, die Herausforderung der Zeit.

Der Punkt entschließt sich, die Barriere entlangzulaufen, sie nochmals zu überwinden, sich zu verlieren und wiederzufinden. Sein Hunger nach Raum verlangt nach einer weiteren Dimension, der dritten, die die Wege und Formen vervielfacht.
Drinnen und draußen, die erste Barriere, die wir kennen, sind wir selbst: Wo ist unsere Grenze zu finden?

Der Atem erinnert uns immer an diese Grenze und gleichzeitig an unsere Verbundenheit mit der Außenwelt.

Die Kugel, Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit, überschreitet unsere Grenze und steigt hinab in unser Innerstes auf der Suche nach einem ausfüllenden Boden - auch unsere Aufmerksamkeit füllt uns aus - jenseits des Diaphragmas, des Zwerchfells (einer weiteren Barriere), im Magen, im Zentrum unseres physischen Seins.
So wird die Sehnsucht nach dem Geist geboren, oder vielmehr, kehrt die Erinnerung an den Geist zurück. Auch innen sind wir viele. Finden wir Freunde, Gefährten, oder Spiegel? Wir sind einfach mit uns allein.

Und wieder das Dreieck, wieder der Wille, fortzufahren. Angst, ein neuer Übergang, aber vielleicht ist das gar nicht Angst, vielleicht ist es nur ein Augenblick des Wartens und der Spannung: Lassen wir sie fortfahren.

Aber wir haben (welcher Teil von uns?) bereits eine Wahl getroffen. Einer von dreien ist gewählt worden. Das Interesse für die anderen läßt nach: das sind die, die gewöhnlich unterwegs verlorengehen.

Für den Augenblick lassen wir zu, daß sie verschwinden.
Auch die Erinnerung läßt Spuren zurück, erfüllt, bedrückt. Die einzige Art, sie intakt zu halten und in die Gegenwart zu werfen ist, ihnen eine neue Form zu geben. Es ist eine neue Grenze, eine neue Barriere, die - um erkannt zu werden - überwunden werden muß.

Das Eine teilt sich in zwei und die zwei erzeugen wieder das Eine. Diesmal ist es ein Würfel. Er findet sich gestärkt wieder, kompakter, bereit, seine Flächen der Welt zu zeigen. Dies ist der Augenblick, in dem wir unseren Atem auswerfen. Wir haben das Innere und die Tiefe erfahren, die Angst vor einem neuen Abgrund, die Sehnsucht nach Verlorenem, es wird einer unmöglichen Ganzheit nachgeweint.

Aber wir haben Energien gesammelt, und uns in der Trennung erkannt. Wir sind stärker, sind Kopf und Bauch, sind ein kompakter Würfel, der draußen in der Luft rotiert. Der Eine hat sich geteilt - und die Teilung erzeugt wieder den Einen. Was ist mit den anderen zweien?

Vorhin, drinnen, haben wir das Vergessen erfahren. Jetzt, draußen, lassen wir sie gleiten. Wir wissen, daß ihre Geschichte uns nicht betrifft, und wir wissen, daß wir sie wieder treffen werden, wir werden sie erkennen, auch wenn sie verändert sind, und auch sie werden uns wieder verändern. Es wird eine neue Barriere sein, ein neuer Durchgang. Wir atmen wieder ein, das Diaphragma erscheint wieder, wir sehen es sich nähern und neuerlich überqueren wir es. Diesmal nur, um einen Augenblick Luft zu holen. Wir atmen aus, vom Zentrum kehren wir zum Äußeren zurück, der Zyklus beginnt von Neuem.
Wir werden von Mal zu Mal aufmerksamer, bei jedem Übergang, bei jeder überwundenen Barriere. Es gibt kleine Varianten, Änderungen der Perspektive, verfehlte Begegnungen oder verfrühte, andere Ängste und Unsicherheiten.

Die Musik wird essentiell, um dem Vorgang und der Selbstdefinition von Formen und Strukturen einen Sinn zu geben. In der Wiederholung erwirbt die Dimension „Zeit" immer mehr Bedeutung und ohne das Einwirken der Musik würde sie unausgedrückt bleiben, eingefangen in der Erinnerung. Die Evolution des musikalischen Themas, seine Variationen, die Mutation der Orchestrierung machen die Erinnerung präsent, sie lassen sie Wiederaufleben im Fluß der Gegenwart durch ewigdauernde Überwindungen und Erfindungen.

Animation: Mario Canali, Musik: Riccardo Sinigaglia