Ars Electronica
 
 
 

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Prix1990
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
ORF Oberösterreich
 


AUSZEICHNUNG
The Legible City
Jeffrey Shaw


In "The Legible City" von Jeffrey Shaw kann der User mit einem stationären Fahrrad durch eine simulierte Repräsentation einer Stadt fahren, die aus computergenerierten dreidimensionalen Buchstaben besteht. Die Arbeit ist ein erstes Beispiel für die Möglichkeit des digitalen Bildes, einen dreidimensionalen virtuellen Raum heraufzubeschwören, den der Betrachter betreten und erforschen kann.

Die Erforschung und Entwicklung verschiedener Mechanismen und Codes räumlicher Darstellung war in der gesamten Geschichte der westlichen Kunst ein Anliegen. Die Anwendung dreidimensionaler Computer-Bildtechnologie hat in diesem Zusammenhang revolutionäre Bedeutung. Anstelle der traditionellen Aufgabe der Kunst, nämlich der Darstellung von Realität, kann nun das Kunstwerk selbst eine Simulation jener Realität werden, innerhalb welcher der Standpunkt des Betrachters sich befindet. "The Legible City" ist ein erstes Beispiel dieser Möglichkeit des digitalen Bildes, einen dreidimensionalen virtuellen Raum heraufzubeschwören, den der Betrachter betreten und erforschen kann.

Der Betrachter kann ein Fahrrad benützen, um interaktiv in einem mit Video projizierten dreidimensionalen virtuellen Bildraum herumzureisen. In der ersten fertiggestellten Version dieses Werks ist der durchfahrbare Bildraum auf den Grundriß von Manhattan, und zwar begrenzt von 34. und 66. Straße bzw. Park Avenue und 11. Avenue aufgebaut.

Durch den Einsatz von Real-Time Computertechnologie wird die Stadt durch solide dreidimensionale Buchstaben dargestellt, die Worte und Sätze entlang denStraßenseiten bilden. Diese Worte und Sätze entsprechen dem tatsächlichen Plan und dem Maßstab der Stadt - ihrer speziellen Straßeneinteilung, Kreuzungen, Parks und so weiter. So wird die tatsächliche Architektur Manhattans gänzlich durch eine neue Architektur aus Text ersetzt. Folglich ist eine Reise durch diese Stadt eine Lese-Fahrt. Richtungen zu wählen, abzubiegen, bedeutet gleichzeitig, die Erzählungstelle und ihren Zusammenhang zu bestimmen. So ist diese virtuelle Stadt in ihrer Art ein dreidimensionales Buch, das in jede Richtung gelesen werden kann und in dem jeder Betrachter seinen eigenen Textzusammenhang und seine eigenen Bedeutungen konstruiert, je nachdem, wie er seinen selbstgewählten Radweg entlangfährt.

Das Bild der Stadt wird auf eine große Video-Wand vor dem Radfahrer projiziert. Das Fahrrad steht auf einer Plattform in der Installation, der Zuseher kontrolliert Geschwindigkeit und Richtung der Bewegung im projizierten Bildraum durch schnelleres oder langsameres Treten der Pedale und mit der Lenkstange. Die virtuelle Welt, in der sich der Radfahrer befindet, simuliert getreulich die Erfahrung des Radfahrens in der realen Welt.

In dieser Arbeit wird die Stadt physisch durch die dreidimensionale Anordnung der Worte als Straßen dargestellt, psychologisch besteht die Stadt aus der Bedeutung, die diese Worte für den Zuseher haben, der die Straßen entlangfährt. Die Texte wurden als acht getrennte Geschichten konzipiert, die eine besondere Beziehung zu Manhattan haben - etwa Monologe von Bürgermeister Koch, Frank Lloyd Wright, Donald Trump, Noah Webster, einem Taxifahrer, einem Fremdenführer, einem Botschafter usw. jede Geschichte hat ihren geographischen Ort in der Stadt, und jede kann optisch durch die Farbe ihrer Buchstaben identifiziert werden. So kann der Radfahrer / Zuseher einer Storyfolgen, indem er der Farbe ihrer Buchstaben folgt, und an den Farbveränderungen auch seine Wechsel von einer Story zur anderen erkennen.

Direkt vor dem Radfahrer zeigt ein kleiner Videoschirm einen Stadtplan von Manhattan, und die jeweilige Position des Radfahrers wird durch einen blinkenden Punkt angezeigt.

Technischer Hintergrund

Elektronische Geräte an Lenkstange und Pedal des Fahrrades messen die Rotation des Vorderrades und die Tretgeschwindigkeit. Als Reaktion auf diese Information wird die Datenbank von Manhattan interaktiv berechnet und von einem Silicon Graphics Personal IRIS Grafikcomputer dargestellt. Der Video-Output dieses Computers wird an einen Videoprojektor weitergegeben, der das Bild auf die große Bildwand vor dem Radfahrer wirft. Ein zweiter Personalcomputer betreibt den kleinen Monitor mit dem Stadtplan von Manhattan und dem jeweiligen Standpunkt des Radfahrers.

Die Autoren dieses Werkes wollen noch weitere Versionen entwickeln, basierend auf den Grundrissen verschiedener größerer Städte. Ihre unterschiedlichen Geometrien scheinen interessant zu sein und werden auch die buchstabenmäßige Visualisierung entscheidend beeinflussen. Darüber hinaus verlangen der Stadtplan und die Geschichte einer jeden Stadt natürlich auch nach einem unterschiedlichen Zugang zu Inhalt und Form des Textes. "The Legible City", wie sie nun geschaffen wurde, wird ganz grundlegend durch die Möglichkeiten der gegenwärtigen computergrafischen Visualisierungstechniken bestimmt. Die weitergehende, schnelle Entwicklung dieser Technologien wird für derartige Arbeiten signifikante neue Möglichkeiten eröffnen. Würde man etwa das stereoskopische Brillen-Display der NASA verwenden, so wurde der Radfahrer das Werk als einen ihn gänzlich einhüllenden dreidimensionalen Bilderraum erleben können.