Ars Electronica
 
 
 

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Prix1991
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
ORF Oberösterreich
 


GOLDENE NICA
Think about the people now
Paul Sermon


Die interaktive Arbeit "Think about the people now" basiert auf einem realen Ereignis. Paul Sermon hat Informationen und Statements rund um die Selbstverbrennung eines Protestierenden gesammelt und in einem Hyper-Media-Environment zusammengestellt. Dieses ermöglicht es nun einem Betrachter, eigenständige Recherchen in einem interakiven Prozeß vorzunehmen.

Ich glaube, die Frage nach der Position des Computers in der bildenden Kunst ist irgendwie ein Widerspruch in sich selbst. Betrachtet man den gegenwärtigen Zustand unserer technologischen Kultur, so sollte man meiner Ansicht nach die Fragestellung umdrehen und sich überlegen, wo und auf welche Weise denn "Kunst" überhaupt relevant ist.

Ich habe mein ganzes Leben in Großbritannien gelebt und hier Kunst studiert. Aus meinen Erfahrungen aus dem Ausland, den USA, Australien, Frankreich, Deutschland und Österreich, ersehe ich, daß allgemein anerkannt wird, daß der Computer eine entscheidende Rolle innerhalb des kreativen Arbeitens von Künstlern spielen muß. In Großbritannien sieht man das jedoch unter einem anderen Aspekt - unter jenem typisch britischen, romantischen Verständnis der Welt der Kunst.

Die Position eines Jean Baudrillard ist für meine Arbeit bei telematischen Ereignissen wie bei Hyper-Media-Environments von besonderer Bedeutung. Die Frage nach der "Wahrheit" in einer Kultur der Bildschirme - eine postmoderne Stellungnahme zur Scheidung unserer Kultur von ihrer semiotischen Realität.

Für einen telematischen Künstler könnten Baudrillards Ansichten ziemlich deplaciert erscheinen - aber ich glaube nicht, daß dies ein Grund ist, zur alten Leinwand zurückzukehren, sie helfen bestenfalls, unseren Kontext näher zu definieren, und erlauben es dem telematischen Künstler, präzisere Schlüsse und Zusammenhänge in der Veränderung unserer globalen Aktivitäten herzustellen.

Am Montag nach den Feierlichkeiten zum Remembrance Day in Whitehall fand ich in den Medien die Meldung vom "Protest" eines Mannes, der nach Whitehall gekommen war, sich mit Benzin übergossen und angezündet hatte und brennend auf den Kenotaph mit den Worten "Think about the people now" zugelaufen war. Die Berichterstattung in den Medien wechselte zwischen der farbenfrohen Sensationsgier der "Sun" und der Sorge der "Times", wie sehr die königliche Familie durch dieses Ereignis verstört worden sei.

Damals hatte ich keine Ahnung, daß dieses Ereignis einmal in meine Arbeit einsickern würde. Ursprünglich interessierte mich nämlich die nachfolgende extreme Schweigsamkeit der Medien. Nur die Boulevardpresse berichtete über den Vorfall, die etwas formaleren Zeitungen brachten bestenfalls eine Kurznachricht. Am nächsten Tag wurde überhaupt nichts mehr berichtet, weder in den Zeitungen noch im Fernsehen. Bald nach diesem Vorfall begann ich mit der Entwicklung von Hyper-Media, einer der neuesten technologischen Entwicklungen in der Organisation von Daten in einem Netzwerk verschachtelter Dateien, die es dem Benutzer erlauben, durch ein Computersystem zu blättern, indem er Symbole aufruft, die zu Bildern, Text und weiteren Symbolen führen. Bei sorgfältiger Planung, so entdeckte ich, kann diese Methode der Datenorganisation zur Simulation einer Erzählung aus der Umwelt führen.

Das Werk, an dem ich nun arbeite, ist formell wie technisch ziemlich einfach. Einzigartig wird es also nur durch seine inhaltliche Gestaltung. Der Benutzer dieser Hyper-Media-Remembrance-Simulation beginnt bei der U-Bahnstation Westminster und kann sich durch Bewegung des Joystick - quer durch animierte Videobilder rund um Whitehall bewegen.

Die möglichen Wege kreuzen sich häufig und erlauben einen Übergang und den Eintritt in andere Bezugssysteme zu dieser Dimension der Realität, was ich für das Gesamtkonzept als überaus wichtig ansehe. Informationsdiagramme und Zeitungsausschnitte sind immer durch jene Symbole präsent, die auf dem "Spaziergang' regelmäßig auftauchen.

Dennoch kann es passieren, daß der Benutzer niemals Zeuge des Ereignisses wird, das während der zweiminütigen Stille um 11 Uhr passiert. Zwar wird er im Hintergrund eine Rettung vorbeifahren hören oder einen Passanten, der Worte des Entsetzens von sich gibt.

Aber durch die Wechselwirkung zwischen den Entscheidungen des Benutzers kann sich dieser an einem von vierundsechzig möglichen Orten rund um Whitehall befinden, wobei er auch die Wahl hat, sich selbst zu verbrennen. Die Eigenverantwortung für den Ort, an dem sich der Benutzer während des Ereignisses aufhält, ist Ausdruck der unterschiedlichen Wahrnehmungsmöglichkeit des Ereignisses selbst. Die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung, die das Programm herstellt, ist Ausdruck des Konzeptes sozialer Beziehungen, jeder Benutzer hat alle Möglichkeiten, seine Aufgabezu erfüllen.

Die Arbeit könnte genausogut heißen "A Moment in Time" (Ein Augenblick in der Zeit). In ihr geht es im wesentlichen darum, zur richtigen oder falschenZeit (um 11 Uhr) am falschen oder richtigen Ort (in Whitehall) zu sein - je nach der Entscheidung des Benutzers.