Ars Electronica
 
 
 

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Prix1993
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
ORF Oberösterreich
 


AUSZEICHNUNG
Is Anyone There?
Stephen Wilson


Im Projekt "Is Anyone There?" fordert Stephen Wilson neugierige Passanten über automatische Wähleinrichtungen in öffentlichen Telephonzellen und eine Datenbank werden auf, über Ereignisse in ihrer Umgebung miteinander zu kommunizieren.

Das Telephonsystem ist ein künstlerisch weitgehend unerforschtes Charakteristikum der zeitgenössischen Kultur. Telephone erlauben eine sofortige Verbindung zwischen Menschen, egal wo auf der Erde sie sich befinden. "Is Anyone There" erforscht einerseits die konkreten technologischen Möglichkeiten, andererseits die Poetik der Verwendung von Münztelephonen, die es erlauben, die Anonymität der gegenwärtigen Massengesellschaft zu durchbrechen.

Eine Reihe von Standorten in San Francisco wurde aufgrund ihrer sozioökonomischen Unterschiedlichkeit oder ihrer speziellen Bedeutung für das Leben in der Stadt ausgewählt.

Eine Woche lang hat ein computergestütztes Telemarketing-System systematisch stündlich rund um die Uhr bei einem Münzfernsprecher in den ausgewählten Bezirken angerufen. Dabei wurde ein intelligentes Frage-Antwort-Programm eingesetzt, das Passanten, die neugierig genug waren, bei einem läutenden Münztelephon abzuheben, in ein kurzes Gespräch verwickelte und dieses digital aufzeichnete. Die Gesprächsthemen bezogen sich auf die Lebenssituation der Antwortenden und auf das, was sie für bemerkenswert an ihrer derzeitigen Umgebung hielten. Später wurden Bilder aus der Umgebung der jeweils angerufenen Telefonzellen und der in der Nähe befindliche Personen auf Video festgehalten.

Monate später wird eine interaktive Video-Installation aufgebaut, die den Zuschauer erlaubt, das Leben rund um die Telefonzelle zu erforschen, indem sie auf die Datenbank zurückgreifen und die aufgezeichneten Gespräche und Videoaufnahmen sprachgesteuert selektiv abrufen. Ein interaktives Hypermedia Programm ermuntert die Betrachter, Strategie für die Erforschung der gespeicherten Informationen zu entwickeln. Begleitet wird die Abfrage von typischen Bildern aus der Umgebung der Telephonzelle, aber auch von digital manipulierten Bildern als Metaphern für Informationen aus den aufgezeichneten Telephon Gesprächen.

Dieses Projekt stellt eine Herausforderung für zwei Charakteristika der üblichen Kunstbetrachtung dar: Einerseits die typische elitäre Art des Kunst-Konsums, andererseits die häufige Passivität. All jene, die als Passanten beim Münztelephon abgehoben haben - viele davon zweifellos Personen, die kaum eine Kunsteinrichtung besuchen würden -, werdenMitgestalter dieses Kunstwerks.

Das Schauspiel ihre Dialoge mit dem Computersystem ist ein essentieller ästhetischer Ansatzpunkt. Darübe hinaus stellt das Ereignis systematisch die Sicherheit des passiven Kunstkonsums in Frage, indem es den Betrachter dazu veranlaßt, Strategien für die Suche nach Bildern und Informationen aus den aufgezeichneten Äußerungen zu entwickeln.

In ihrer Radikalität stößt die Installation den Galeriebesucher aus seiner Rolle des sich in Sicherheit wiegenden Kunst-Konsumenten hinein in die Rolle des tatsächlich Mitwirkenden an der künstlerischen Arbeit. Da sComputersystem schaltet nämlich willkürlich Live-Gespräche auf das Telefon, und fordert ihn auf, in ein echtes Gespräch mit einem echten Fremden einzusteigen.

Technischer Hintergrund
HW: Macintosh, Voice Navigator
SW: Hypercard