Ars Electronica
 
 
 

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Prix1990
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
ORF Oberösterreich
 


AUSZEICHNUNG
Kathinkas Gesang
Karlheinz Stockhausen


"Kathinkas Gesang" von Karlheinz Stockhausen ist eine Komposition für Flöte und elektronische Musik. Erst durch die technischen Möglichkeiten findet eine Neuorientierung der musikalischen Logik im Bereich der Harmonik statt.

Seit Beginn meiner Komposition elektronischer Musik suchte ich immer wieder nach technischer Möglichkeiten, phasensynchrone Spektren mit kontrollierten Phasenverschiebungen der einzelner Teiltöne zu erzeugen. Man lernt normalerweise in der Akustik, daß die Phasenlage der Teiltöne füi das Gehör keine Rolle spielt. Das stimmt aber nur sehr begrenzt. Einige im Kölner Studio von mir auf abenteuerlich experimentelle Art erreichte Resultate der Phasendrehung waren sehr ermutigend, in dieser Richtung weiterzuforschen (zum Beispiel ein Spektrum auf zwei nebeneinanderstehenden Magnetophonen gleichzeitig aufzunehmen und dabei auf einem der Magnetophone mit einem Finger das Band langsam zwischen Aufnahme- und Wiedergabekopf anzudrücken und die Wiedergabe beider Magnetophone auf einem dritten Magnetophon aufzunehmen). Man kann dabei wunderbare Spektral-„Drehungen" erreichen, bei denen ein Spektrum alle Phasenverschiebungen der Teiltöne mit sich selbst durchmacht.

Im Mai 1983 schrieb ich für die elektronische Musik zu „Kathinkas Gesang" als erstes ein Formschema mit Erklärungen der Symbole. Es enthält die Information für die theoretische Programmierung. Dieses diskutierte ich mit Marc Battier, einem musikalisch-technischen Mitarbeiter vom IR-CAM (Paris), mit dem ich zusammenarbeiten wollte. Im Dezember 1983 und August 1984 realisierte ich in 2 x 7 Tagen im IRCAM die elektronische Musik. Battier hat den 4X mit Hilfe eines Computers PDP 11 meiner Partitur gemäß programmiert.

Während der Studiozeit entstandene Arbeitsaufzeichnungen enthalten die Daten für die Besonderheiten der nach Gehör gewählten Klangfarben und relativen Lautstärken. Letztere wurden in einem 4seitigen Synchronisationsschema mit 2x6 Spuren für die Kopie vom 4X auf 16-Spur-Band zusammengefaßt. Ein Ergänzungs-Formschema mit Pegelzahlen ist das Resultat der Abmischung im Espace de Projection vom 16-Spur-Magnetophon auf ein 8-Spur-Magnetophon zur Herstellung eines Aufführungs-Originals. In dieses Schema habe ich die Numerierung der K1- bis K6-Klänge (über jedem K) nachgetragen.

Der wesentlichste Aspekt ist die sechsschichtige Raum-Polyphonie kontrollierter Phasendrehungen harmonischer Spektren. Eine Neuorientierung der musikalischen Logik im Bereich der Harmonik zeichnet sich ab, die mit allen bisherigen technischen Möglichkeiten nicht realisierbar war. Gleichzeitige Phasendrehungen von phasensynchronen Teiltongruppen reicher Obertonspektren können bei ganz bestimmten Grundtönen und ganz bestimmter Dauer einer Drehung, vor allem bei sehr langer Dauer und bei gewissen Lautstärkeverhältnissen der Teiltongruppen untereinander - von einer Schönheit sein, wie man sie nie zuvor erlebt hat. Die Veränderungen langsamer Phasendrehungen haben eine derartig starke zeitliche Logik, daß man genau Viertel-, Drittel-, vor allem aber Halbphasen verfolgen kann und das Zusammenfallen der Maxima aller Obertöne im Nulldurchgang als knallartige Explosion jedesmal als befreiender Neuanfang empfunden wird.

Technischer Hintergrund

"Kathinkas Gesang" für Flöte und Elektronische Musik, 1983/84, 33 Min.