Ars Electronica
 
 
 

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Prix1992
Prix 1987 - 2007

 
 
Veranstalter:
ORF Oberösterreich
 


AUSZEICHNUNG
Chiaroscuro
Francis Dhomont


In der Komposition "Chiaroscuro" von Francis Dhomont verschmelzen Alltagsklänge mit musikalischen Effekten.

Ich bin seit langer Zeit überzeugt, daß in der Elektroakustik alles gut ist, was Klang macht. In diesem Sinne verwende ich synthetische wie akustische Klänge jeden Ursprungs, egal ob bearbeitet oder nicht, und digitale Mittel ebenso wie die klassischen analogen Instrumente des traditionellen Studios. Diese Wahl ist zugleich philosophisch und ästhetisch.

Für mich liegt das Interessante an der Computermusik hauptsächlich in den zahlreichen Möglichkeiten zur Veränderung und "Mikrochirugie" am gesampelten Klang, und in den Metamorphosen, die die verschiedenen Programme ermöglichen.

In dieser Richtung haben es mir vor allem die von Benedict Maillard im Studio 123 am INAGRM in Paris entwickelten, ausgeklügelten Programme sowie die von Jean-Francois Allouis auf SYTER erstellten Programme (besonders seine verschiedenen Misch- und Akkumulationstechniken) erlaubt, eine reiche spektromorphologische Palette aus nur wenigen Ursprungsklängen zu entwickeln. Vor allem in "Chiaroscuro" habe ich auf das Zusammenbrauen von Mikro-Fragmenten und auf die Steuerung ihrer Geschwindigkeit und ihres inneren Raumes zurückgegriffen."Novars" hingegen basiert auf komplexen Mutationeneines Fragments aus der "Messe de Nostre Dame" von G. de Machaut, sowie auf zahllosen Variationen eines einzigen 15sekündigen Fragments, entliehen bei P. Schaeffer, unter denen jene ausgewählt wurden, die mir die markantesten Figuren zu bieten schienen. Der originale Schaeffersche Gedanke kommt nur in den letzten Sekunden zum Ausdruck. In diesem Sinne kann "Novars" als eine Art umgekehrten "Themas mit Variationen" betrachtet werden.

Angemerkt muß noch werden, daß am SYTER-System die Real-Time-Verarbeitung eine gestische Aktivität ermöglicht, die die menschliche Präsenz enthüllt und die Feinheit instrumentaler Phrasierung zuläßt (Kaskadenprogramme, extrem schnelle Variationen inGeschwindigkeit und Lesart, gleichzeitig Verwendung von acht Harimonizern, Kammfilter, usw.), was mir immer überzeugender erschienen ist als die unanfechtbaren, aber auch eiskalten Anwendungen verschiedener Prozesse. In diesem Sinne dem Schaefferschen Gedankengut treu geblieben, glaube ich ernsthaft daran, daß die phänomenologische Wahrnehmung der Musik ein viel sichereres konzeptuelles Werkzeug darstellt als die wissenschaftlichen Modelle, deren Beziehungen zu den künstlerischen Mechanismen erst überprüft werden muß.

Wie so oft bei meinen Werken, Stammen bestimmte Materialien aus früheren Arbeiten und finden hier eine neue Entwicklung. Ich mag es, wenn der Diskurs weitergeführt, vervollständigt wird. Darüber hinaus - und als Hommage an die Komponisten der "Evenements du neuf" (einer Montrealer Konzertgesellschaft) - Jose Evangelista, Denis Gougeon, John Rea und ganz besonders in memoriam Claude Viviers habe ich mich hier einiger kleinerer musikalischer Diebstähle schuldig gemacht, die hier und dort als, wie ich hoffe, bewußt rätselhafte Gedanken aufblitzen.

Technischer Hintergrund
17.30 min
HW: DEC PDP 11/60
SW: Eigenentwicklungen (Fortram, Mano Assembler)