Ars Electronica
 
 
 

Prix Ars Electronica
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Prix-Jury

 
 
Veranstalter
Ars Electronica Linz & ORF Oberösterreich

Introducing Theory: Contextualising Net-Based Art

Dieter Daniels, Olia Lialina, Christiane Paul, Claus Pias, Felix Stalder


Das Ludwig Boltzmann Institut Medien.Kunst.Forschung schreibt im Rahmen des Prix Ars Electronica erstmals einen wissenschaftlichen Preis aus. Mit dem neuen Theorie-Preis wird dem Stellenwert kunsthistorischer und medienwissenschaftlicher Forschung zur Medienkunst Rechnung getragen, die in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer eigenen Disziplin mit einem breiten Themenfeld gewachsen ist. Die Vielfalt und Aktualität der medienkünstlerischen Produktion (welche der Prix Ars Electronica seit 1987 mit seinen wechselnden Kategorien beispielhaft belegt) erfordert eine theoretische und wissenschaftliche Reflexion zu der historischen Verortung, heutigen Vermittlung und zukünftigen Erhaltung dieser Kunst.

Diesen Aufgaben widmet sich seit 2005 das in Linz gegründete Ludwig Boltzmann Institut Medien.Kunst. Forschung. Durch den Media.Art.Research Award soll ein internationaler Diskurs über wissenschaftliche Thesen, Methoden und Standards zur Medienkunst gefördert werden. Die Notwendigkeit einer Thesen- und Begriffsbildung soll dabei ebenso thematisiert werden wie der sich jeder endgültigen Kategorisierung widersetzende Pluralismus dieser Kunstformen. Deshalb wird der jährlich vergebene Preis wechselnde inhaltliche Schwerpunkte setzen. Für 2007 lautete das Thema „Netzbasierte Kunstformen“. Auch in den folgenden Jahren wird der Media.Art.Research Award die wissenschaftliche Erschließung von noch nicht im musealen und kommerziellen Kontext etablierten Formen der Medienkunst fördern, die prozessual, konzeptuell, interaktiv und ebenso subversiv, situativ und engagiert an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft arbeiten.

Das Feld der relevanten Wissenschaftsgebiete für den Media.Art.Research Award entspricht dabei dem Pluralismus der künstlerischen Praxen: Kunstgeschichte, Medientheorie, Kulturwissenschaft, Bildwissenschaft, Technikgeschichte sowie den medienspezifischen Aspekten aus Literaturwissenschaft, Filmtheorie und Musikwissenschaft. Die 40 Einreichungen belegen die methodische Spannbreite der Ansätze, die auf ein spezifisches Thema wie „Netzbasierte Kunstformen“ Anwendung finden können.

Der Schwerpunkt des Media.Art.Research Award liegt auf der wissenschaftlichen Grundlagenforschung, die jedoch dezidiert als ein zeitgenössisches Denken mit einer Verbindung zu den aktuellen gesellschaftlichen und künstlerischen Fragen zu verstehen ist. Oder, um es mit Bezug auf das Thema von 2007 zu formulieren: Anstelle des „Hypes“ der Neuigkeit, welche die Netzeuphorie der 1990er prägte, treten die langfristigen kulturellen Perspektiven zum Thema, sowohl mit Blick auf die Vergangenheit wie in eine mögliche Zukunft. Entscheidend für die Preisvergabe ist dabei der Beitrag zur aktuellen Forschung, nicht die historischen Meriten des Autors, womit auch der übergeordneten Zielsetzung der Boltzmann Gesellschaft zur Förderung von akademischen Laufbahnen entsprochen wird.

Die Diskussion der Jury berücksichtigte drei verschiedene Typen der Theorieproduktion zu diesem Thema: erstens wissenschaftliche Grundlagenforschung, welche die Spezifik der Medienkunst im Kontext der genannten Referenzwissenschaften untersucht; zweitens die Netzkritik, welche die gesellschaftliche, soziale und diskursive Bedeutung des Internet aus der Zeitgenossenschaft heraus analysiert; drittens die themenspezifische Kunstvermittlung, welche die Anschlussfähigkeit zum aktuellen Kunstgeschehen und zur Kunstgeschichte zum Ziel hat. Die drei ausgezeichneten Beiträge von Florian Cramer, Geert Lovink und Thomas Dreher sind auch ausgewählt worden, um diesen verschiedenen Ansätzen gerecht zu werden. Ebenso verkörpern sie drei verschiedene Formen der Publikation: akademische Abschlussarbeit, journalistisches Buch und netzbasierte Kunsttheorie.

Media.Art.Research Award

Der diesjährige Preis geht an Florian Cramer für seine Arbeit Exe.cut[up]able statements. Poetische Kalküle und Phantasmen des selbstausführenden Texts (Dissertation, 2006). Diese von der gesamten Jury getragene Entscheidung für ein Grundlagenwerk an der Schnittstelle von Netzkunst, Literaturgeschichte und Computerlinguistik setzt einen hohen Standard für die Zukunft des Preises. Die Untersuchung reicht von der algorithmischen Dichtung der Antike bis zur heutigen software- und netzbasierten Poesie. Sie verortet die Medienkunst damit in einem sehr viel weiteren geistesgeschichtlichen Horizont als üblich und setzt wissenschaftliche Nachhaltigkeit an die Stelle der sonst oft grassierenden Zeitgeistigkeit. Dennoch ist diese neue Lesart von Code als Teil der Literaturgeschichte nur aus der heutigen Perspektive möglich, erst im Rückblick aus der digitalisierten Gesellschaft wird die Vorgeschichte der Sprachalgorithmik als eine Konstante der Kultur erkennbar. In diesem Sinne schafft es Florian Cramer, aus der Gegenwart heraus ein neues Verständnis der Geschichte zu entwickeln.

Die hochspezialisierte Thematik, welche die Lektüre nicht einfach macht, kann deshalb als beispielhaft gelten für die bisher kaum erschlossene Bedeutung der Medienkunst als epistemisches Modell jenseits des aktuellen Kunstgeschehens. Der Begriff „Medien“ wird von Cramer dabei bewusst vermieden und als zu unscharf und redundant kritisiert. Stattdessen stellt sein methodischer Ansatz die „Ausführbarkeit“ von Text als Grundprinzip aller Dichtung dar. Die Imaginationen des sich selbst ausführenden Textes sind dabei nicht auf ihre technische Implementierung angewiesen. Im Gegensatz zu allen Szenarien einer posthumanen Cyberwelt, welche den Menschen als Relikt zurücklässt, zeigt Cramer die Ursprünglichkeit der Verbindung von Phantastik und Algorithmik, welche immer auf den Menschen, aber nicht notwendig auf Maschinen angewiesen
ist.

Anerkennungen des Beitrags zum Wissensfeld 2007

Eine Anerkennung geht an Geert Lovinks Zero Comments (Buchmanuskript, 2006) für die kritische Analyse der heutigen Situation zwischen Web-2.0-Euphorie und enttäuschten Hoffnungen der Medienkunst. Basierend auf seiner langjährigen Erfahrung mit der Netzkultur seit den frühen 1990er Jahren gibt Lovink eine Analyse zum aktuellen Stand der Entwicklung und berücksichtigt auch die Bedeutung des Internet in der nicht-westlichen Welt. Insbesondere für eine breitenwirksame Diskussion werden hier schlagkräftige Argumente geliefert, die auch weit über Fachkreise hinaus Beachtung finden werden.

Die zweite Anerkennung geht an Thomas Dreher, IASLonline Lessons / Lektionen in NetArt (Online-Publikation 2000 – 2006), für die engagierte Vermittlung von Netzkunst durch das Netz, welche einen Überblick zu dem bisher in der Kunstgeschichte wenig erschlossenen Gesamtgebiet netzbasierter Kunst liefert. Dabei stehen Einzeluntersuchungen und faktenreiche, übergreifende Themenessays in einem fruchtbaren Dialog. Mit einer umfassenden Verlinkung zu Primär- und Sekundärquellen wird auch dem nicht einschlägig vorgebildeten Leser ein Einstieg in das Thema ermöglicht.

 
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